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den glänzendſten Gaben des Geiſtes, mit einer leicht geflügelten Einbildungskraft, mit einer wunderbaren Denkſchnelligkeit und Gedankenfülle, mit einem erſtaunenswerthen Gedächtniß, mit dem Scharfblick, welcher Perſonen und Verhältniſſen auf den Grund ſieht, mit einer Beredtſamkeit, die jeden überzeugen möchte, ſtrahlend von Offenheit und Heiterkeit und perſön⸗ licher Liebenswürdigkeit hatte er von früher Jugend an bis zu ſeinem fünf und vierzigſten Lebensjahr in der anregendſten Umgebung der geiſtreichſten Männer der Zeit gelebt, die den Jüngling unterrichteten und dem Manne ein ebenbürtiger Umgang waren. Der große Niebuhr, welcher wahrlich das Traue ſchaue wem in ſeinem Leben und in ſeinen Schriften zum Wahl⸗ ſpruch hatte, iſt von Begeiſterung voll, wenn er in ſeinen Briefen auf ſeinen königlichen Schüler zu ſprechen kommt...... Das letzte Wort, das ſich in den Briefen über ſeinen hohen Freund findet, iſt ſowohl der Ausdruck der begeiſtertſten Liebe als der begründetſten Ueberzeugung: Man ſollte Gott auf den Knieen danken, daß das Land einen ſolchen Thron⸗ erben hat, der in ganz Europa nicht ſeines gleichen hat.“ Auf ſein königliches Amt war er trefflich vorbereitet.„Beſonders war es die religiöſe Seite des öffentlichen Lebens, auf welche er ſeine Beobachtungen gerichtet hatte, weil er hier den Urſitz der gefährlichſten nationalen Leidenſchaften und zugleich die wirkſamſten Heilmittel für die Krankheiten des ſocialen Lebens erkannte.“(Eilers.) Bei dieſer tiefſten Frage war das innerſte Herz unſers Königs bethei⸗ ligt. So trat er ſein väterliches Erbe an und verfolgte ſtetig die vier Ziele, die Eintracht mit Oeſterreich und Rußland, die deutſche Einheit, den Aufbau der Verfaſſung Preußens, die Erweckung des proteſtantiſchen Volks zum Glauben der Väter. An dem Denkmal bei Kaliſch unterſchrieb er durch einen Fingerzug mit Amen die Inſchrift: Der Allmächtige ſegne die Allianz und Freundſchaft zwiſchen Rußland und Preußen zum Frieden und Gedeihen beider Nationen und zum Schrecken ihrer gemeinſamen Feinde. Beim Beginn des Neubaues des Domes zu Cöln ſprach er eine Mahnung zu immer engerer Verbrüderung der deutſchen Staatengemeinſchaft in Worten aus, die nicht ſchöner ſein können, als ſie ſind. In Sachen der ſtändiſchen Vertretung ſeines Volkes bewahrte er die Weisheit ſeines Vaters; erſt ſieben Jahre nach dem Regierungsantritt berief er die ganzen Provinzial⸗Landtage zu einer Verſamm⸗ lung. Endlich trat er dem„entſetzlichen Beginnen, ſein Volk um ſein heiligſtes Kleinod zu betrügen, um den Glauben an ſeinen göttlichen Heiland, Herrn und König,“ muthig und kräftig entgegen und ſuchte durch eigenes Bekenntniß und eine offene gefliſſentliche Begün⸗ ſtigung des kleinen chriſtlichen Kernes eine reformatoriſche Bewegung hervorzurufen. Auf dieſem letzten hat unverkennbar Segen geruht, und es iſt in das Wort einzuſtimmen:„Die Geſchichte hat keinen Fürſten aufzuweiſen, der mit einem volleren und reineren Herzſchlage für Preußens Wohlfahrt das Scepter getragen hat.“— Die Rede ſchloß mit einem Gebet des Dankes und der Fürbitte für unſern König.— Die feſtliche Speiſung der Alumnen fand in herkömm⸗ licher Weiſe Statt. 3
Der hundertjährige Geburtstag Fr. Schillers wurde am 10. November durch eine beſon⸗ dere Feierlichkeit in dem mit der Büſte des Dichters geſchmückten Saale der deutſchen Schulen begangen. Geſänge des Sängerchors wechſelten mit dem Vortrage von Gedichten und Scenen


