11
Namen gedankt und Gottes fernern Segen für die Anſtalt erfleht hatte, trat er vom Katheder herab, um nunmehr dem neuen Prorector Johann Jakob Gantesviler die Red⸗ nerbühne einzuränmen. Es läßt ſich leicht denken, mit welcher Spannung man ſeinem Auftreten entgegenſehen mochte. Er war ja in Warheit„der Mann des Tages“. Seiner Ankunft war der Ruf ſeiner hochgeprieſenen Gelehrſamkeit und bisheri⸗ gen Thätigkeit in Herborn, vorausgegangen; von ihm hoffte man, daß er der zu Boden liegenden Hohenlandesſchule gründ⸗ lich wieder aufhelfen und ſie zu immer höherer Blüte empor⸗ heben werde; ihn ſah man als die Hauptſäule an, die fortan den geiſtigen Bau zu tragen und zu ſtützen habe. Zugleich erblickte man in ihm, und zwar wahrſcheinlich von beiden Seiten, ſowol von lutheriſcher, als von reformierter, obwol von jeder in ſehr verſchiedener Weiſe— den Vertreter„einer die Gegenſätze verſöhnenden Toleranz.“ So betrat denn Gau⸗ tesviler das Katheder, um ſeine Inaugurationsrede zu halten. Er ſprach natürlich als Gelehrter, als Profeſſor der Theologie und Philoſophie— lateiniſch, und zwar gleich von vornherein mit ſo hohem rhetoriſchen Pathos, daß ihm wol damals nicht ſo gar viele in der Verſammlung mit richtigem Verſtändnis gefolgt ſein mögen. Er wußte es wol, man erwartete von ihm eine Toleranzrede, und darin leiſtete denn auch Gantes⸗ viler in der That das mögliche! Sein Thema war: de religionum in republica diversitate. Er hatte zu zeigen ſich vorgenommen: religionum diversitatem publicam rei- publicae literariae aut civilis tranquillitatem non labe- factare, geriet aber im Eifer der Beweisführung in einen ſo bodenloſen Synkretismus, daß er kein Bedenken trug, die Belege zu ſeiner Behauptung aus den Zuſtänden der Aegyp⸗ ter und Japaneſen, aus dem römiſchen Pantheon und dem „mächtigen Reich der Türken“ zu entlehnen. Doch machte Gantesviler vieles wieder gut durch das chriſtliche Schluß⸗


