Aufsatz 
Szenische Analyse des Sophokleischen Dramas Ajas Mastigophoros / von K. W. Piderit
Entstehung
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E 15 DE

Athener. Auch die innern Zuſtände, welche dieſe tragiſche Dichtung vorausſetzt, hatten ebenfalls in derſelben Periode ſchon überhand ge⸗ nommen: das Mißtrauen und die Schelſucht, mit der das ſouveraine Volk, wie die nichtsnutzigen Gleichheitsſchreier unſerer Tage, auf jede Perſönlichkeit blickte, die durch Reichthum, Geiſtesgröße, Ehre über die Maſſen hervorragte; das neidiſche Bemühen, jeden großen Charakter in das Niveau der eigenen Niedrigkeit herabzuziehn; die Thorheit derer, die nicht erkennen wollten, daß ſie mit dem Niederreißen aller Höhen nur ihren eigenen Untergang beſchleunigen, das Maulhelden⸗ tum der Schreier endlich, das hinter dem Rücken der verhaßten Geg⸗ ner lärmt und tobt, doch ſich ängſtlich verkriecht und lautlos verſtummt, ſobald der rechte Mann erſcheint, wie der Vögel Geſchwärm vor dem mächtigen Falken, Alles dies und noch mehr könnte man bei unſerm Dichter wiederfinden, wenn wir nur nicht aus unſtatthafter Verwechſelung mit der Komödie Gefahr liefen, gerade damit das eigentümliche Weſen der Sophokleiſchen Tragödie in ſeiner idealen Schönheit gänzlich zu vernichten. Will man irgend wie geſchichtlichen Verhältniſſen Einfluß auf die Anlage des Drama's beſonders in der auf Ajas Tod folgenden Hälfte einräumen, ſo kann dies wol in keiner andern, als der von Welcker ¹) bezeichneten Weiſe geſchehn.Seit Kliſthenes verehrte Athen ſelbſt den Heros von Salamis als einen ſeiner Stammesheroen, als 1, kacivvog der Aiantiſchen Phyle; durch ſeine Söhne Euryſakes und Philaios, die ſich ſelbſt ia Brauron und Melite niedergelaſſen, wird Ajas der Stammvater des Piſiſtratos, Miltiades und Kimon, des Har⸗ modios, Alkibiades und anderer berühmter Athener. So ſtolz waren die Athener auf den Heros, welcher im Leben nicht verſtanden hatte, nachzuſtehen, daß ſie den Chören ſeiner Phyle das Vorrecht einräumten, niemals die letzte Stelle einnehmen zu dürfen. Und ſelbſt bei Mara⸗

¹) A. a. O. S. 280 ff. Vgl auch Schneidewin a. a. O. Einlei⸗ tung S. 6 und 7.