Aufsatz 
Über das Leben des lateinischen Dichters Venantius Honorius Clementianus Fortunatus / von Thomas Bormann
Entstehung
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I einem an Erzeugnissen der lateinischen Poesie so unfruchlbaren Zeitraume, wie es die zweite Hälfte des sechsten christlichen Jahrhunderts war, wird die Erscheinung eines von seinen Zeitgenossen so hochgeachteten Dichters wie Venantius Fortunatus unsrer Aufmerksamkeit nicht unwert sein. Was die Lebensverhältnisse desselben betrifft, so schöpſen wir unsre Kenntniss derselben aus seinen eignen Werken, in denen er an mehreren Stellen von seinen persönlichen Erlebnissen und Beziehungen zu seiner Umgebung spricht. Von gleichzeitigen Schriftstellern erwähnt seiner zwar Gregor von Tours(Hist. Franc. V, 8; de glor. martyr I, 40), doch nur ganz allgemein als Verfassers von Heiligenlegenden. Auffallend mag es immerhin sein, dass er unseres Dichters, mit dem er in der innigsten Freundschaft lebte, nicht näher gedenkt, um so mehr, da er an einigen Stellen seiner fränkischen Geschichte von den Schicksalen der Stadt Poitiers und namentlich der in derselben befindlichen klösterlichen Stiftung der Radegundis spricht, zu der Fortunatus in freundschaftlicher Beziehung stand; zu erklären ist dieses wol daraus, dass des letzteren Wirken nicht sehr in die öffentlichkeit hervortrat, sondern auf den engen stillen Kreis der Vertrauten sich beschränkte. Der der Zeit nach nächste Schriftsteller, welcher unseres Dichters erwähnt, ist Beda(Histor. Anglor. I, 7: In Britannia passus est s. Albanus, de quo presbyter Fortunatus in laude virginum, cum beatorum martyrum, qui de toto orbe ad Dominum venirent, mentionem faceret, ait: Albanum

egregium fœcunda Britannia profert; die citirte Stelle steht VIII, 4, 155). Umständlicheres über ihn theilt uns Paulus Diaconus Histor. Langobard. II, 13(nicht II, 3, wie bei Brower pag. 26 seiner Ausgabe des Dichters Mainz 1603. 4.*) und bei Bähr: die christlichen Dichter und Geschichtschreiber Roms§. 40. Anmerk. 2 und 15. steht) mit; die Quelle seiner Nachrichten sind offenbar, und wie er es selbst andeutet, des Fortunatus Gedichte selbst. In den unmittelbar vorhergehenden Kapiteln 9 und 12 hatte er nämlich des Felix, Bischofs von Tarvisus, Freundes unseres Dichters, erwähnt, und dies gibt ihm nach seiner eignen Erklärung(II, 12) Veranlassung von letzterem selbst einiges zu sprechen: Sane quia hujus Felicis fecimus mentionem, licet quoque pauca nos de venerabili et sapientissimo viro Fortunato retexere, qui hunc Felicem suum asseverat socium fuisse. Die betreffende Stelle lautet folgendermassen: Fortunatus natus quidem in loco qui Duplavenis dicitur fuit, qui locus haud longe a Cenetenensi castro vel Tarvisina distat civitate. Sed tamen Ravennæ nutritus et doctus in arte grammatica sive rhetorica sive etiam metrica clarissimus exstitit. Hic cum dolorem oculorum vehementissimum pateretur, et nihilominus Felix ipsius socius pari

*) Die Ausgabe von Mich. Angel. Luchi, monachi Benedict. e congregat. Casin. Rom 1786. 2 B. IV. stand mir nicht zu Gebote.