Aufsatz 
Schillerfeier des Friedrichs-Gymnasiums am 9. und 10. Mai 1905 : Festrede : [in Anschluß an Goethes Epilog zur Glocke] / Otto Paulus
Entstehung
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Anfſprache des Direktors.

(Etwas erweitert.)

Meine verehrten Feſtgenoſſen, insbeſondere meine lieben Schüler des Friedrichs⸗Gymnaſiums!

Hoch gehn in dieſen Tagen die Wogen der Begeiſterung in den Gauen des deutſchen Vater⸗ landes und über ſeine Grenzen hinaus zum Preiſe unſeres Dichterfürſten. In begeiſterten Reden werden ſeine unſterblichen Verdienſte gefeiert, und Dichter, berufene und unberufene, ſingen ihm zur Ehre und zum Ruhm. Denn am geſtrigen Tage hat er das erſte Jahrhundert ſeiner Unſterblichkeit unter uns vollendet. So feiert man ihn wie an ſeinem 100 jährigen Geburtstage am 10. November 1859. Eins der ſchönſten damals gedichteten Lieder, das in ſeiner Einfachheit und Schlichtheit das Herz beſonders ergreift, iſt das eben vorgetragene von meinem alten Hanauer Lehrer Profeſſor Dr. Rein⸗ hard Suchier, der hochbetagt noch dort in Friſche des Geiſtes lebt und auch den geſtrigen Tag noch bei der Feſtfeier des Hanauer Gymnaſiums mitfeiern konnte. Wir haben ſchöne Worte zum Lob und Preis und zur Würdigung Schillers in unſerer Schulfeier gehört; ich möchte in dieſer Stunde Sie mit einigen Worten noch einmal hinführen zu der Geburtstagsfeier des Jahres 1859 in Marbach und dem Anteil, den wir Hanauer an dieſer Feier hatten. Denn auf des Dichters Geburtsſtätte ſind auch bei der Feier des hundertjährigen Todestages naturgemäß aller Blicke beſonders gerichtet, und große Feſtfeiern finden in dieſen Tagen in Marbach und Stuttgart ſtatt.

Als der hundertjährige Geburtstag Schillers nahte, da war allerorten eine große Begeiſterung, den Tag in würdigſter Weiſe zu begehen und ſeiner würdige Andenken zu ſtiften. Unter anderem erging im Mai 1858 ein Aufruf, beizuſteuern zum Ankauf des Hauſes in Marbach, in dem Schiller das Licht der Welt erblickte.

Den Zuſtand des Hauſes ſchildert Joſef Rank*) in ſeinem BucheSchillerhäuſer folgender⸗ maßen(er beſuchte es drei Jahre vor dem Jubiläum, 1856): Wir können uns einer ſeltſamen Erſchütterung kaum erwehren, wenn wir auf einmal vor einem Häuschen ſtehen, ſo klein, ſo ſchlicht, ja ſo ärmlich als möglich und dabei erfahren, hier ſei der erhabene Denker und Dichter Schiller geboren! Man bleibt ſtehen und ſieht beklommen eine Weile hin. Der Brunnen rauſcht eintönig weiter, ab⸗ und zugehende Waſſerträgerinnen beſchauen ſich den Fremden, hier und dort öffnet ſich ein Fenſter, und ein neugieriges Geſicht blickt heraus. Schillers Geburtshaus iſt von einem Bäcker bewohnt; dieſes kündigt ſchon von weitem das Brett mit Broten vor einem der Fenſter an. Die Straßenſeite des Hauſes hat zu ebener Erde und im erſten Stock nur je drei Fenſter; grüne, morſche Läden ſchließen die Fenſter des erſten Stocks wie ſchläfrige Augenlider. Der Eingang in das Haus iſt an der Oſtſeite; der Blick des Fremden fällt, indem er ſich der Türe nähert, auf allerlei Wirt⸗ ſchaftsgerümpel und alte Gebäulichkeiten. Ich trat eines ſchönen Sommertags durch die niedere Haustür in eine kleine verrauchte Vorhalle; Kinder ſprangen und riefen da um eine kränkliche, hagere Mutter, am Herde innerhalb eines Verſchlags brannte ein beſcheidenes Feuer, und daneben holte der junge, blühende Bäcker Brot aus dem Ofen, das er, unterſtützt von einem Jungen, nach der Stube

*) Vergl. zum Folgenden auch Alois Egger:Schiller in Marbach, Wien 1868. 3*½