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oder gar an Stelle des Idealismus gemeine Selbſtſucht zu ſtellen? Was wollen ſolche vereinzelte Stimmen gegen den brauſenden Jubelruf einer Nation, wie er im Jahre 1859 durch alle deutſchen Gaue erſcholl und wie er heute bei der zweiten großen Jubelfeier wieder über den ganzen Erdkreis ertönt? Was beweiſt überhaupt Kritik und Theorie gegenüber tatſächlichen Erfolgen? Hatte nicht Prinz Wilhelm recht, der als Primaner hier unten auf dem Schulhof in einem theoretiſchen Streit mit ſeinen Kameraden Schiller leidenſchaftlich verteidigte und die Gegner zum Verſtummen brachte durch die Frage, ob ſie ihm denn irgend einen deutſchen Dramatiker nennen könnten, der auf ihre Seele einen ſo gewaltigen Eindruck gemacht habe wie Schiller etwa mit ſeinem Don Carlos!
Hier vor mir ſteht in verkleinerter Nachbildung die Büſte des großen Mannes, den wir feiern, von einem Meiſter gefertigt, dem die Liebe den Meißel geführt, von des Dichters Jugend⸗ freunde Dannecker. Als einſt König Ludwig von Bayern, während der Künſtler bei der Arbeit war, in ſeine Werkſtatt trat und nach dem Gegenſtand ſeiner Arbeit fragte, ſagte Dannecker:„Der Schwab muß dem Schwaben ein Monument machen.. Der große Mann ſteht immer vor meinen Augen, ich will ihn lebig machen.“ Und als der König ſich über die Größenverhältniſſe des Bildes wunderte, meinte er:„Schiller muß groß ſein, muß koloſſal in der Bildhauerei leben, ich will eine Apotheoſe.“
Möchte doch die Wirkung dieſer Tage feſtlichen Gedenkens, insbeſondere auch dieſer unſerer Feier die ſein, daß das Bild unſeres großen nationalen Dichters auch in unſeren Herzen wieder recht lebendig würde, daß es vor unſere Seele träte, wie es vor der Seele des Jugendfreundes ſtand, groß, gewaltig, heroenhaft,„koloſſal.“ Und möchte dann dies ſein Bild uns, ja unſer ganzes Zeitalter wieder erwärmen, Nüchternheit und Sattheit verdrängen, alle wieder jugendlich und begeiſterungsfähig machen, die Seelen befreien und loslöſen aus den Feſſeln des Niederen, Alltäglichen,„Gemeinen.“.
Ja, wir wollen uns willig von ihm emportragen laſſen in ſeine lichten Höhen; er ſoll unſer Gewiſſen ſchärfen, unſeren Willen ſtählen, unſeren Charakter feſtigen, von ihm wollen wir die überwindende, unwiderſtehliche Kraft gewinnen, die freudig ringt, die ſiegreich kämpft gegen die „dumpfe Schwere des Erdendaſeins.“


