Das lateinische Verbum in Sexta.
Wenn jetzt schon die Behandlung der griechischen Formenlehre unter Berücksichtigung der Ergebnisse der vergleichenden Sprachforschung die überwiegende sein dürfte, so wird dieselbe Behandlung sich auch beim lateinischen Unterrichte mehr und mehr Anerkennung verschaffen. Denn wenn auch oft genug dagegen angeführt ist, dass für den Sextaner die Erkenntnis der Formen zu schwierig sei, andererseits aber sein Gedächtnis so kräftig und frisch, dass er durch blosses gedächtnismässiges Lernen die Formenlehre sich dauernd aneignen kann, so ist doch jenes Bedenken nicht berechtigt, wenn nur Mass gehalten und der Praxis neben der Wissenschaft gebührend Rechnung getragen wird, und die andere Behauptung fällt dadurch, dass durch diese Behandlung trotz anscheinender Vermehrung des zu Erlernenden dennoch in Wahrheit eine Erleichterung und Sicherstellung der Aufgabe erreicht wird. Ausserdem ergiebt sich noch dabei der nicht gering anzuschlagende Nutzen, dass die Ausbildung des Verstandes auch hierin gefördert, der Sinn für die Gesetzmässigkeit der Sprache geweckt und dem griechischen Unterrichte mehr als bisher vorgearbeitet wird.
Bei der Deklination halte ich es nicht für angemessen, in der Erklärung der Formen so weit zu gehen, dass aus dem Stamm und den für das uns vorliegende Latein anzusetzenden Endungen jede einzelne Form entwickelt wird. Hier muss mehr auf das Gemeinsame in allen Deklinationen oder in einigen näherstehenden(der ersten und zweiten, dritten und vierten) hingewiesen, die Bildung des Nominativs der Neutra erklärt und besonders die Verschiedenheit von Stamm, Endung und Ausgang klar gemacht werden. So ist in puerum der Stamm puero-, wobei jedoch der Kennvokal in u verwandelt ist, m ist die Endung des Accusativus Singularis und um ist der Ausgang des Accusativus Singularis der zweiten Deklination. Die Unterscheidung von Wortstock und Wortstamm(puer- und puero-) ist meiner Ansicht nach von geringerem Nutzen für richtige Bildung der Formen und verwirrt leicht den Schüler, dem es zu viel wird, Wortstock und Wortstamm, Endung und Ausgang auseinanderzuhalten. Dagegen verlangt das Verbum eine eingehende, zergliedernde Behand- lung, da hier sowohl Stamm und Endung viel schärfer geschieden sind, als auch die Bildungen in allen Conjugationen viel grössere Aehnlichkeit unter einander haben.
Die Ansichten darüber, wann mit den vier Conjugationen zu beginnen sei, gehen weit auseinander. Die einen wollen erst die Deklination der Substantiva und Adjectiva, die Comparation, die Zahlwörter(und Pronomina) eingeübt haben, dann soll erst das Verbum folgen, andere schieben es zum Teil wenigstens in die Deklinationen oder gleich hinter dieselben ein, noch andere setzen die Conjugationen an die erste Stelle, um geringere


