Aufsatz 
Das Thal von Orotava auf Teneriffa
Entstehung
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Das Thal von Orotava auf Teneriffa. Von Dr. F. C. Moll.

Am 27. Auguſt 1871 kurz nach 5 Uhr des Morgens ließ uns der liebenswürdige Kapitain wecken, denn der Pik de Teyde ſollte heute beſonders klar ſein. Als wir auf das Verdeck kamen unſer Schiff lag bereits vor Anker hatten wir einen unbeſchreiblich ſchönen Anblick vor uns, wie einen zweiten die ganze Reiſe nicht wieder bot: wir lagen vor dem Thale von Orotava, einem der anmuthigſten Orte der Welt, wie Humboldt ihn bezeichnet.

Vor uns das blaue Meer, deſſen ſpiegelnde Oberfläche von keinem Windhauche beunruhigt wird, denn ſonntägliche Ruhe hat ſich über die ganze Gegend gelagert. Das Waſſer iſt ſo klar, daß man auf 22 Faden(132 Fuß) Tiefe den Grund des Oceans erkennen kann; dunkle Flecken hervor⸗ ſtehenden Baſaltes zeichnen ſich aus den weißen Sandlagern deutlich ab. Drüben, wo aus der Tiefe das ſchwarzbraune Felſengeſtade ſchroff emporſteigt, da ſpielt die weiße Brandung in raſtloſer Thätig⸗ keit. In den Felſenwinkeln empor klettert die Woge, um an einem Vorſprunge zu zerſtäuben oder über die Felſen als kleiner Waſſerfall zurück zu fließen, in die Grotten dringt ſie ein, um als ſchäumender Schwall zurückgeworfen zu werden. Das Geſtein verräth in ſeiner Zerriſſenheit und Vielgeſtaltigkeit deutlich ſeinen Urſprung. Einſt floſſen dort von der Höhe herab glühende Lavamaſſen. Als ſie das Meer erreichten, da ſtürzten unter Ziſchen und Brauſen Theile davon hinab, erkaltend bildeten ſie die wild über einander geworfenen Trümmer mit zahlloſen Zacken und Spitzen, die nach außen von dem nagenden Waſſer wieder abgerundet wurden. Vielfach wurde durch den Waſſer⸗ dampf die nachdringende Lavaſchicht in großen Blaſen emporgehoben; durch das ſpätere theilweiſe Einſtürzen derſelben ſind Grotten und Höhlungen gebildet, die ſich der See zu öffnen, und mäch⸗ tige Portale, durch welche die Wogen ſich durchdrängen, hat ſich das Meer an einigen Vorſprüngen des Ufers gebrochen.

Und hinter dieſer wilden Küſte ſteigt als ſchräge Fläche bis zur Höhe von 4000 Fuß das Thal oder vielmehr das Amphitheater von Orotava, das alte Taoro, empor, eingefaßt an drei Seiten von ſchroffen Höhen. Droben zieht quer die Cumbre vorüber, der Längskamm, der die Inſel vom Pik an nach zwei Seiten der Länge nach durchzieht; ihre vielzackigen Gräte ſetzen ſich ſcharf von dem reinen