Aufsatz 
Zur Mineralogie des Plinius / von August Nies
Entstehung
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Bei weitem der grösste Teil von dem, was wir über die mineralogischen Kenntnisse im Altertum überhaupt wissen, findet sich in den fünf letzten Büchern der naturalis historia des C. Plinius Secundus. Es enthalten diese Bücher eine Lithurgik oder angewandte Mineralogie: eine Aufzühlung derjenigen Gesteine und Mineralien, welche als Baumaterial, für Bildwerke, als Farben, als Schmucksteine, als Metalle, zu medizinischen oder sonstigen Zwecken praktische Ver- wertung finden, ausführliche Angaben über den Fundort, die Art der Gewinnung, die künstliche Darstellung, die verschiedenen Verwendungsarten derselben, neben einer Menge von Anekdoten und historischen Bemerkungen, insbesondere über die mit den verschiedenen Materialien arbeitenden Künstler und deren Werke. Das eigentlich Mineralogische tritt dagegen sehr zurück, zumal die Beschreibung der einzelnen Mineralien, wie das ja auch heute noch in einer sog. Lithurgik der Fall ist, keine vollständige ist, wie sie nötig wäre, wenn das Werk den Zweck hätte, die Mineralien kennen und pestimmen zu lehren. Dass das für seine Zeit grossartige und auch heute noch bewundernswerte Werk zum grossen Teil aus Citaten aus anderen griechischen und römischen Schriften zusammengestellt ist, macht es nicht viel weniger wertvoll. Denn wenn es auch da- durch vorkommt, dass Plinius von Dingen redet, die er gar nicht aus eigner Anschauung kennt, also wie der Blinde von der Farbe, oder dass er infolge falscher Auffassung und mangelhafter Kenntnis fehlerhaft übersetzt und citiert, so ist dafür aber auch die Zusammenstellung so voll- ständig, dass man wohl sagen kann: sie enthält alles, was in der damaligen Zeit überhaupt auf diesem Gebiete bekannt war. Dass es von dem heutigen Standpunkte der Wissenschaft aus betrachtet nicht eben viel ist, wird uns nicht veranlassen, geringschätzig darüber zu urteilen, wenn wir bedenken, dass es wohl anderthalb Jahrtausende gewährt hat, bis etwas Wesentliches dem zugefügt wurde, was durch Plinius bekannt geworden war. Während die naturalis historia das ganze Mittelalter hindurch ein ausserordentliches Ansehen genoss, ist sie in der neueren Zeit, wenigstens was den mineralogischen Teil anlangt, mehr in Vergessenheit geraten, als sie es verdient. Freilich sind die mineralogischen Notizen, die auch heute noch Beachtung verdienen, unter einem grossen Wust von fabelhaften, unverständlichen namentlich historischen, geographischen und anderen Nachrichten, die nur für den Archäologen und Antiquar von Interesse sind, verborgen, so dass die Mineralogen von dem Aufsuchen derselben abgeschreckt werden. Nur die Edelsteine, denen Plinius sein letztes Buch ge- widmet hat, sind auch in unserem Jahrhundert noch wiederholt wissenschaftlich behandelt worden, und besonders ist viel darüber gestritten worden, ob die Steine, die Plinius beschreibt, auch wirklich die sind, welche wir heute mit denselben Namen bezeichnen, oder nicht, ohne dass es bis heute gelungen