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man aber das Ave Maria zu Hall läutete, griffen die von Hall die Bauern an mehr aus Not, denn mit Willen, warlich mit erschrockenem Herzen und mit ungleicher Zahl, es mußt ja gewagt sein. Und erstlich weil sie die Bauern nicht wol sehen konnten, hieß der hallesche Führer ein Falkonetlein abschießen, damit man sehen möchte, wo sie eigentlich wären. Sobald dieser Schuß geschehen, erhub sich ein solches Zappeln unter den Bauern, als ob es ein Ameisenhaufe würe, und ein Daddern, als wäre es ein Haufe Gäns; einer schrie, man solle fliehen, der andere, man solle bleiben. Dieweil giengen die anderen Falkönetlein auch ab, da ward ein Fallen, sobald sie das Feuer sahen blitzen, da fielen hie sechs, da zehn, dort noch viel mehr, daß man meinte, sie wären all erschossen, bald stunden sie wieder auf, wie die Juden am Oelberg, das Geschütz ging alles zu hoch.« Nun beginnt die wildeste Flucht.»Kein grösseres Wunder und Laufen hab ich mein Lebtag nie gesehen, es ward keiner geschossen, und waren die Lahmen gerad, die Alten jung, liefen alle gleich, so best sie mochten.« Aber der Komödie folgte gar bald die Tragödie.
Mit schlauer Berechnung hatten die Herren des schwäbischen Bundes die Unterhandlungen mit den oberschwäbischen Bauern hingezogen, bis sie sich des Herzogs Ulrich entledigt. Es war ein Unglück für die Bauern, daß fanatische Prädicanten, wie Schapeler, oder ehrliche leicht- gläubige Schwärmer, wie Ulrich Schmid von Sulmingen, das Heft in Händen hatten, ihre Diplomatie war nicht minder ungeschickt als ihre Kriegführung, sie verpassten die beste Zeit und liessen sich vom Bund an der Nase herumführen,»die puntzheren warent den puren zu geschid, hetent mer vernunft, dan die puren.«¹) Auf dieser Seite war man sich vom Anfange an bewußzt, daß es zwischen dem historischen und dem göttlichen Rechte keinen Austrag gebe als den durch das Schwert, denn»gott werde ia langsam vom himel komen herab vnd ainen rechtstag anstellen«, und traf demgemäß seine Maßregeln. Die verfügbaren Kräfte des Bundes bestanden in etwa 2000 Pferden und 7000 Knechten, dazu ein treffliches Geschütz, im Verhältnis zu den Aufständischen eine immerhin kleine Zahl. Und dazu waren und plieben die Fußknechte während des ganzen Krieges eine sehr unzuverlässige Truppe. Als ihnen nach Besiegung Herzog Ulrichs verkündet wurde, daß es nun gegen die Bauern gehen solle, da weigerten sie sich anfangs:»daß weren ire ernerer, so sy nit krieg hetten, weren auch zum tail ire vatter, bruder vnd schweger.« Bei der Mehrzahl verfehlte indes die Vorstellung des Truchsessen,»daßs sie bishero ir narung bey fürsten vnd herrn gesucht vnd gehabt hatten« und daß sie, falls die Bauern Sieger blieben, sich „nicht mer wie bishero erneren möchten, sondern muesten nach der pauren gefallen dienen oder darumb sterben«²), des gewünschten Eindrucks nicht; fragten doch diese»verdorben buben« nach „keiner Gerechtigkeit; wenn der Teufel Sold ausschrieb, so fliegt und schneit es zu wie Fliegen im Sommer.« Trotzdem sie ihr Eigennutz auf Seite der Bündischen trieb, ihre Neigungen und die Bande des Blutes zogen sie wieder und wieder zu den Bauern. Als es zum ersten Schlagen kommen sollte und Bündische und Bauern»auf eine Schlangenschußweite« sich gegenüber lagen, da entboten in der Nacht etliche Fußknechte den Bauern:»sie solten uber das puntisch Lager, uber die raißigen fallen, so wolten sie inen helfen die zu schlagen.« Aber eine zufällige Alarmierung des bündischen Lagers-macht den gemainen paursmann also verzagt, daß sie mit den haubt- leüten nit ziehen wolten.« Bei der Kanonade von Gaißbeuern»waß ein fueßknecht, doch vom punt besoldet, aber besser paurisch, der wolt ein flucht machen vnd schrie:„Fliecht, liebe, frome
¹) Heinrich von Pflummern bei Baumann, Quellen 307. ²) Vgl. den sog. Schreiber des Truchsessen bei Baumann, Quellen 543 ff.


