Folgende Darstellung, hervorgegangen aus dem Bestreben des Verfassers sich aus den unmittelbaren Quellen, soweit sie ihm zugänglich waren, über eine Bewegung zu belehren, welche durch die Allgemeinheit ihres Auftretens, die Großartigkeit und Kühnheit ihrer Ziele, die eigentüm- liche Wildheit ihres Verlaufs und ihren tragischen Ausgang in der Geschichte der germanischen Völker einzig dasteht, und mit Recht ein hervorragendes Interesse, namentlich in unserer Zeit, beanspruchen kann und gefunden hat, kann sich weder rühmen sich auf neues Material zu stützen, noch neue Gesichtspunkte zu eröffnen; sie beschränkt sich fust ausschließlich auf die Erhebung des schwäbischen und fränkischen Stammes diesseits des Rhein und wird auch daraus nur einjge Seiten herausgreifen, welche in den meisten Darstellungen nicht hinreichende Würdi- gung gefunden zu haben scheinen.
Es dürfte hinlänglich festgestellt sein, daß die ersten Anfänge der Bewegung im süd- lichen Schwarzwald und den angrenzenden Landschaften durchaus nicht aus religiösen Triebfedern entsprangen, und wenn auch von der österreichischen Regierung in Innsbruck die Aufständischen als Anhänger der»luttrischen Sect« bezeichnet werden, sie selbst stellten doch jeden Zusammen- hang ihrer Bestrebungen mit dem Evangelium in Abrede, eine Angabe, welche durch die von Schreiber veröffentlichten Urkunden ¹) vollkommen bestätigt wird. Es ist vorwiegend der ma- terielle Druck, der auf dem»armen Manne« mit wachsender Schwere lastet, die Rechtlosigkeit ³) seiner Lage gegenüber den herrschenden Klassen ²), welche ihn zum Aufstand treiben. Aber es ist nicht etwa eine erreichbare Milderung des Druckes, wonach man strebt, gleich von Anfang an tritt vielmehr eine radikale Tendenz auf, welche auf eine vollständige„Lastenabschüttelung« ausgeht. Bereits im Frühjahr 1524 erklären die Bauern von St. Blasien ihrem Abt ¹), daß sie»hinfüro kein Fall, Laß, Vaßnachthühner geben noch ander Dienst tun wollen, besonder wöllen sy fry wie ander Landschaften gehalten werden«. Die Bauern der Landgrafschaft Stüblingen wollen, wie Graf Sigmund’) am 20. August an die Stadt Freiburg schreibt,»Fronung vnd Dienst nit mer tun vnd für sich selbs in unsern gefryten Wildpennen, Försten, Fischwassern jagen, voglen, fischen vnd das alles fry haben, wöllen vns etlich Herren-Gulten laut vnsers Urbarbuchs, darzu Väl vnd Gläß wie von altem her nit mer reichen, noch die, so Straff verdient, mit keiner Füngnus strafen lassen«. Es ist ersichtlich, daß soweit gehende Forderungen den Ruin der Grundherrn herbeiführen mussten, also falls diese keinen Selbstmord begehen wollten, nicht, zu- gestanden werden konnten. Aber man wollte auf dieser Seite den Bauern auch nicht einmal einen Schritt weit entgegenkommen, man wollte das ⸗principiis obsta« wahren, man fürchtete, fulls man sich durch die Empörung etwas abdringen lietze,»was solchs vnder den Buren für
¹) Schreiber, Urkundenbuch der Stadt Freiburg i. B. Neue Folge. Freiburg 1863 ff.
²) Schreiber 135:»die armen rechtlosen lüt.« Die Bauern vom Kempten klagen, daß man ihren „»bestand herter und erger gemacht, dann die knecht und hund seien.«(Baumann, Acten N. 401, S. 338).
³) Daß es indes auch Herren gab, die für das sittliche und materielle Wohl ihrer Unterthanen ein warmes Herz hatten, zeigt das Testament des Freiherrn Werner von Zimmern(† 1483), in welchem er seinen Sohn ermahnt:»du solt die gepot gottes halten vnd schaffen mit allen denen, uber die du zu gepieten hast, das sie von ihnen auch gehalten werden— das du dir deine armen leut, gaistlich vnd weltlich, lessest empfalhen sein vnd inen nit unrecht thun, vnd das sie ainandern auch nit unrecht thuen— dqu solt deine armen leut lieb hon, auch nit schetzen, sondern sie bei iren steuren vnd diensten lassen beliben, auch tugenlich mit inen reden vnd leben— du solt kain knecht schlahen; wan dir ain knecht oder magt nit eben, lasz mit im rechten, bezaln vnd lasse in geen— du solt alle iar mit denen amptleuten, knechten vnd mägden, auch allen handwerksleuten auf den Martinstag rechnung thun vnd sie bezaln.«
4) Schreiber 1. ⁶) Schreiber 16.


