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kuͤnſtelten Staatsbuͤrgeru treue Kinder der Natur zu bilden geſtrebt habe. Faſt alle Gedichte Schillers enthalten, wie die vorliegenden, einen Schatz nicht bloß von Phantaſiegebilden, ſondern von ewigen Schoͤpfungen fuͤr Geiſt und Herz, fuͤr buͤrgerliche Tugend und hoͤhere Weisheit. Moͤchte unſere Ju⸗ gend, moͤchten unſre Maͤnner und unſre Frauen mit ihnen ſo vertraut werden, wie der Grieche mit ſeinem Homer, der Italiener mit ſeinem Taſſo und Arioſto.
Der Ceres-Dienſt, welchen Schiller ſo ſchön beſingt, iſt nicht mehr; die alten Goͤtter ſind von ihren Thronen geſunken in die alte Nacht, aus der ſie ſtrahlend emporgeſtiegen waren. Den Olymp mit ſeinen Goͤttern hat der chriſtliche Himmel mit ſeinen Heiligen verdrängt. Wo ſonſt die Namen De⸗ metra, Athenäa, Apbrodite erſchallten, da ertoͤnt jetzt der Name Pan⸗ agia“), der Mutter des Herrn. Wo Apollo angerufen wurde, da fleht man jetzt zum Sotir**), dem Weltheilande. Ungeachtet dieſer Veraͤnderung finden wir noch immer denſelben Volkscharakter; ebenſo brweglich, ſchauluſtig, neugierig, geiſtvoll, freiheitliebend, anhaͤnglich alter Sitte und Religion ꝛc., ſind die Neugriechen, wie die alten Hellenen; die Staatsweisheit findet dort einen bildſamen Stoff, wenn ſie recht zu bilden verſteht †). Der lange Kampf um ihre Freiheit hat bewieſen, daß die Griechen des hoͤchſten Enthuſiasmus und der groͤßten Aufopſerungen faͤhig ſind.
Schwer laſtete ſeit 1453 auf dem ungluͤcklichen Lande der Druck osmani⸗ cher Tyrannei, deren eberner Fuß die uͤbrig gebliebenen Denkmahle der Kunſt und die Saatfelder von Hellas zertrat.
Aber in dem Volke verſchwand nicht die Erinnerung an Griechenlands
*) Ilaraxia, die Allheilige.
*)) Doriije nach Neu⸗Griechiſcher Ausſprache. t) Siehe das Werk von Thierſch: De l'tat actuel de la Grèce et deg moyens d'arriver à sa restauration. Leips. 1833. 2 voll.


