Aufsatz 
Über des Mittelalters Licht- und Schattenseite, mit besonderer Hinsicht auf die deutsche Geschichte
Entstehung
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Nicht mit Unrecht hat man das Mittelalter mit dem Juͤnglingsalter ver⸗ glichen; denn was dem Juͤngling eigen iſt, finden wir auch in jener Zeit: ſtol⸗ zes Gefuͤhl und Selbſtvertrauen auf die eigene Kraft, hohe Reizbarkeit des Ge muͤthes und daher auch Begeiſterung fuͤr Alles, was ſich als groß und erhaben, ſchoͤn und edel ankuͤndigt, was es zu ſeyn ſcheint oder es wirklich iſt. Der Trotz auf die eigene Kraft, hervorgegangen aus dem ſtolzen Selbſtgefuͤhl und aus der Ueberſchaͤtzung der Perſoͤnlichkeit erzeugte im Mittelalter, wie in der fruͤheren Welt der Germanen, Fehden und Fauſtrecht, und dieſe fuͤhrten die Nothwendig⸗ keit herbei, ritterliche und buͤrgerliche Verbindungen zu ſchließen. Die Gluth religioͤſer Begeiſterung und frommer Schwaͤrmerei war die Schoͤpferin einer lieb⸗ lichen und oft erhabenen Poeſie, aber auch des Moͤnchthums, und Letzteres trug nicht wenig bei zur Ausbildung und Staͤrke der Hierarchie.

Bei der Beurtheilung des Mittelalters koͤnnen wir hier nicht in's Einzelne genau und ausfuͤhrlich eingehen; es genuͤge, die Hauptmomente zu erfaſſen. Wir wollen das Mittelalter 1) von ſeiner geiſtlichen, 2) von ſeiner weltli chen Seite in's Auge faſſen, und 3) ſehen, was von beiden Seiten fuͤr die Volksbildung, fuͤr Kunſt und Wiſſenſchaft geleiſtet worden.

Wir ſchicken bei dieſer Betrachtung die Hierarchie darum voraus, weil ſie im Mittelalter in der Regel das Uebergewicht hatte, welches Verhaͤltniß ſich nach der Reformation umkehrte..

I.

Bei der Hierarchie muß vorzuͤglich ihr Zweck, der ſich ſchon in ihrem Na⸗ men als geiſtliche Herrſchaft ankuͤndigt, und ihr Werkzeug, das Moͤnch⸗ thum, in Erwaͤgung gezogen werden.

Wenn wir den Geiſt der Hierarchie und das Ziel ihrer Beſtrebungen genau kennen lernen wollen; ſo muͤſſen wir auf die geiſtlichen Koryphaͤen des Mittel⸗