D. platonische Dialog, welcher den Namen des Gorgias an der Stirn trägt, erregt abgeschen von seinem philosophischen Inhalt besonders dadurch ein lebhaftes Interesse, dass er nach einem heiteren Anfang und vielen ergötzlichen Aeusserungen des mit dem Ernst gern den Scherz mischenden Sokrates ein düsteres Gemälde von dem sittlichen Zustand des von seinen Führern irre geleiteten athenischen Staats und Volls während des peloponnesischen Kriegs und schon in früherer Zeit aufrollt nnd den unermodeten aber gefährlichen Kampf des weisen, nur die wahre Tugend als eigenes Ziel und durch diese die sittliche Besserung seiner Mitbürger erstrebenden Sokrates gegen die Verdreher der Wahrheit und das ihren Grund- sätzen anhängende Volk als seinen aus gewissenhafter Ueberzeugung übernommenen Beruf dar- stellt. Aber eben weil in diesem Dialog Sokrates nicht blos gewisse allgemeine Lehren und Grundsätze entwickelt, sondern seine Persönlichkeit mehr noch als in vielen anderen Dialogen hervortritt, und weil viele Beziehungen auf Zeitverhältnisse in diesem Werk des Plato sich finden, so hat man mit Recht angenommen, dass das Gespräch, das Plato den Sokrates halten lässt, von jenem selbst einer bestimmten Zeit zugewiesen worden sei und dass die Zeit sowohl als die Situation ausgemittelt werden müsse, in welche das Auftreten des Sokrates gegen seine Unterredner, Gorgias, Polos und Kallikles, von Plato selbst gesetzt worden ist. Aber die Andeutungen, welche einzelne Stellen im Dialog darbieten, scheinen für eine solche Annahme einen ziemlich weiten Spielraum zu gestatten.
Da es feststeht, dass Gorgias in Olymp. 88, 2 J. v. Ch. 427 zuerst als Gesandter seiner Vaterstadt, Leontini, in Athen erschienen ist, um die Hülfe der Athener für jene zu erlangen ¹),
1) Diod. Sic. XII., 53. Thukydides erwähnt die Gesandtschaft, die der Hllfleistung vorausging, doch ohne den Gorgias anzuführen. III, 86. Vergl. über die Gesandtschaft Foss de Gorgia Leontino p. 18 u. f.
1


