Aufsatz 
Über den schriftlichen und mündlichen Gebrauch der alten classischen Sprachen, besonders der lateinischen, in den Gymnasien / Wilhelm Münscher
Entstehung
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darbieten. Denn dieß muͤßten vorzuͤglich lyriſche Stuͤcke allgemein anſprechenden und wahrhaft gemuͤthlichen Inhalts ſein und wie arm iſt an ſolchen im Ganzen die lateiniſche Literatur! Ich geſtehe daher, daß ich aus dieſen Gruͤnden der Abfaſſung von freien poetiſchen Arbeiten als allgemeiner Forderung fuͤr alle Schuͤler auch auf den oberſten Stufen des Gymnaſial⸗Unterrichts nicht das Wort reden moͤchte und es ſcheint mir die Zeit, welche freie poetiſche Productionen erfordern wuͤrden, beſſer auf die Uebung im proſaiſchen Ausdruck verwendet zu werden. Aber damit iſt nicht ausgeſchloſſen, daß, wenn allgemeine Uebungen in der Proſodie und den Vers⸗ maßen der Alten vorausgegangen ſind, wenn durch fortwaͤhrendes Leſen von lateiniſchen Dichtern und durch Einpraͤgen von ausgewaͤhlten dichteriſchen Stellen einige Vertrautheit mit der dichte⸗ riſchen Sprache der Roͤmer erlangt iſt, wenn auch durch metriſche Ueberſetzungen und einige freie Productionen in der Mutterſprache der poetiſche Geiſt geweckt iſt, von Lehrern, die der lateiniſchen poetiſchen Sprache maͤchtig ſind, einzelne hierzu befaͤhigte Schuͤler angeregt und und angeleitet werden, auch in lateiniſcher Poeſie kleine Verſuche zu machen und ſobald ſich Geſchick zu dieſen Arbeiten zeigt, allmaͤhlich auch weiter gefuͤhrt werden. Dagegen duͤrfte die Abfaſſung metriſcher Ueberſetzungen in deutſcher Sprache im Allgemeinen weit mehr zu empfehlen ſein. Denn in der Ueberſetzung eines Dichters, auch wenn ſie in gleichem Metrum verſucht wird, laͤßt ſich die Form des fremden Ausdrucks mehr nachbilden als bei der Ueberſetzung eines Proſaikers in den meiſten Faͤllen moͤglich iſt, ja es wird gerade durch die Bemuͤhung, auch die aͤußere poetiſche Form in deutſcher Sprache wieder zu geben, eine Noͤthigung aufgelegt, ſo weit als nur moͤglich, die den gegebenen genau entſprechenden Worte aufzuſuchen und die in der Urſchrift beobachtete Stellung mit geringen Abweichungen beizubehalten und es kann ſelbſt der Schüler, da in der deutſchen Poeſie die Proſodie auf der Bedeutſamkeit der Worte und Silben beruht, bald diejenigen Kunſt⸗ griffe lernen, durch welche der Zwang des Metrums uͤberwunden und trotz dieſer Feſſel wohl lesbare und ein anſchauliches Bild des fremden poetiſchen Ausdrucks liefernde Uebertragungen zu Stande gebracht werden.

Bisher iſt nur von der ſchriftlichen Nachbildung der Alten und von dem ſchriftlichen Ge⸗ brauch der lateiniſchen Sprache insbeſondere die Rede geweſen. Gegen dieſen ſind auch am meiſten die Angriffe der Gegner gerichtet. Denn ſie ſehen wohl ein, daß, ſobald die freie ſchrift⸗ liche Nachbildung der Alten aufhoͤrt, der muͤndliche Gebrauch der Sprache von ſelbſt fallen muß. Wie ſollte dieſer ſich alsdann noch halten, da er nur in ſchriftlichen Uebungen ſeine nothwendige Stuͤtze findet, ohne die alles Latein⸗Sprechen in ein unlateiniſches, unertraͤgliches, der claſſiſchen Diction entfremdetes Geſchwaͤtz ausarten muͤßte? Schon in der Mutterſprache wird ein richtiger und ſchoͤner muͤndlicher Vortrag der Gedanken nur durch Huͤlfe der Schrift erworben. Wie viel