Aufsatz 
Über den schriftlichen und mündlichen Gebrauch der alten classischen Sprachen, besonders der lateinischen, in den Gymnasien / Wilhelm Münscher
Entstehung
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Gruͤnden zu rechtfertigen, daß es mit einem Worte ein Forum giebt, vor dem nur das richtig Gedachte und auf Gruͤnden Beruhende beſteht. Darum koͤnnen auch die Lehrer an Gymnaſan die Verpflichtung nicht von ſich weiſen, den ſchriftlichen und muͤndlichen Gebrauch der lateiniſchen Sprache gegen Angriffe zu vertheidigen, zumal die juͤngeren Lehrer durch jene Stimmen mehr oder weniger beſtimmt werden koͤnnten, die Uebungen im Gebrauch der lateiniſchen Sprache als Ne⸗ benſache zu betrachten und eben deßwegen zu vernachlaͤſſigen. Und dieß kann um ſo leichter ge⸗ ſchehen, da die große Ausdehnung, in welcher die Alterthumswiſſenſchaft auf den Univerſitaͤten gelehrt wird und die Menge der Diſciplinen, die der Philologie Studierende auf der Uni⸗ verſitaͤt zu hoͤren und zu betreiben hat, ſelbſt wider Willen der Docenten die Aufmerkſamkeit von der Uebung im richtigen und angemeſſenen Gebrauch der lateiniſchen Sprache abziehen und, wenn der auf der Univerſitaͤt in die verſchiedenen Theile ſeines Fachs eingefuͤhrte Philolog als Lehrer in die Gymnaſien eintritt, ihn geneigter machen, ſeine Schaͤtze des hiſtoriſchen Wiſſens vom Alter⸗ thume den Schuͤlern mitzutheilen, als Uebungen zu betreiben, welche nur dann, wenn ſie mit nie nachlaſſendem Ernſt, mit eindringender Schaͤrfe und mit belebender Kraft angeſtellt werden, wahres Gedeihen bringen koͤnnen. Ich habe es daher fuͤr angemeſſen gehalten, in einem Pro⸗ gramm, als einer Schrift, die zur Mittheilung theils an Schulmaͤnner theils an das groͤßere an den Gelehrten⸗Schulen Theil nehmende Publicum beſtimmt iſt, die Uebungen im Schreiben und Sprechen der alten Sprachen und des Lateiniſchen insbeſondere zu vertheidigen, nicht ſowohl um die Gegner dieſer Übungen zur Erkenntniß zu bringen denn das wird ſchwerlich gelingen und moͤchte auch wenig austragen ſondern um den Unbefangenen die Gruͤnde des in der Schule beſtehenden Verfahrens darzulegen. Ich beſcheide mich hierbei gern, daß ich nichts Neues und Unerhoͤrtes vorbringe, aber ich glaube, daß es nicht ganz werthlos iſt, manche Wahrheiten, ſo einfach ſie ſind, in einer der Zeit angemeſſenen Form von neuem auszuſprechen.

Die Angriffe gegen den ſchriftlichen und muͤndlichen Gebrauch des Lateiniſchen ſind nicht neu, aber ſie haben jetzt eine andere Geſtalt angenommen. Schon im vorigen Jahrhundert, als der Philanthropinismus ſich erhob, zog man gegen das Studium der claſſiſchen Sprachen uͤber⸗ haupt zu Felde, weil dieſe, wie man ſagte, nur einen todten unfruchtbaren Stoff dem Gedaͤchtniß uͤberlieferten, der fuͤr das practiſche Leben keinen Werth und keinen Nutzen habe. So lange aber die Kenntniß dieſer Sprachen und beſonders der lateiniſchen, weil ſie einmal in gewiſſen Berufs⸗ arten gefordert würden, nicht ganz zu entbehren ſei, meinte man, muͤſſe die ſogenannte todte Sprache dem Knaben auf aͤhnliche Weiſe beigebracht werden, wie er ſeine Mutterſprache erlerne. Man rieth alſo unter Erneuerung der Ideen des beruͤhmten Reformators des Schulunterrichts Amos Comenius 1671 ſinnliche Gegenſtaͤnde, die ſich abbilden laſſen, den Schuͤlern vorzuhalten,