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Es haben ſich in der neueſten Zeit mehrere Stimmen wider den ſchriftlichen und muͤnd⸗ lichen Gebrauch der lateiniſchen Sprache auf Schulen und Univerſitaͤten erhoben. Nun koͤnnen freilich die Lehrer an Gymnaſien um ſolche Angriffe gegen die beſtehende Unterrichtsweiſe ganz unbekuͤmmert bleiben. Denn, ſo lange die Staatsregierungen und die Behoͤrden, welche die obere Leitung der Schulen fuͤhren, auf ſolche Stimmen keine Ruckſicht nehmen und noch immer das Lateiniſch⸗Schreiben und Sprechen als einen wichtigen und weſentlichen Gegenſtand des Unter⸗ richts ſtehen laſſen, ſo lange fordert es ſchon die Berufspflicht des Lehrers, die Uebungen im Ge⸗ brauch der alten Sprache mit allem moͤglichen Ernſte fortzuſetzen und ſo lange in der Schule dieſe Uebungen als ein wichtiger Theil des Unterrichts betrieben werden, ſo lange wird auch die von dem Lehrer und dem Lehrgegenſtande ausgehende Anregung groß genug ſein, um die Schuͤ⸗ ler an dieſen Unterrichtsgegenſtand zu feſſeln und ihren Eifer fuͤr denſelben nicht erkalten zu laſ⸗ ſen. Indeſſen begnuͤgt ſich der Lehrer, welcher ſeinen Beruf mit Liebe und Einſicht betreibt, nicht damit, die Wahl der Lehrgegenſtaͤnde mit der Auctoritaͤt der vorgeſetzten Behoͤrde zu vertheidigen, es liegt ihm auch am Herzen, ſich ſelbſt Rechenſchaft von der Wahl derſelben zu geben, ja er iſt bereit, wenn er ſich von der Zweckmäͤßigkeit dieſer Wahl uberzeugt hat, ſelbſt gegen die An⸗ griffe, welche auf die Unterrichtsgegenſtaͤnde der Schule gemacht werden, im eigenen Namen aufzu⸗ treten, dieſe Angriffe nach Kraͤften abzuwehren und die Gruͤnde der beſtehenden Unterrichtsweiſe vor dem Publikum zu rechtfertigen. Doch ſei es ferne, unſere Zeit daruͤber anzuklagen, daß ſo Manches, was durch lange Herrſchaft gleichſam geheiligt iſt, jetzt angegriffen wird. Denn, wenn auch haͤufiger als ſonſt Meinungen und Anſichten an den Tag kommen, welche bei genauerer Pruͤfung ſich als unbegruͤndet ergeben moͤchten, ſo iſt doch hiermit ein nach meiner Anſicht ſehr großer Vorzug des Zeitalters verbunden, daß man weniger als ſonſt der Ueberlieferung und der Gewohnheit blindlings folgt, ſondern in allgemeinen Angelegenheiten Jedem die Nothwendigkeit nahe gelegt wird, ſeine Ueberzeugungen und ſein Verfahren vor ſich ſelbſt und vor Andern mit
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