Aufsatz 
Vom Werden, Wirken und Wesen der Musterschule. Festgabe zum einhundertfünfundzwanzigjährigen Jubiläum 1803-1928 / hrsg. von Peter Müller
Entstehung
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Je höher wir stiegen, um so häuſiger schweiften die Blicke von Spielbrettern, Kartenbläffchen und anderenUnterhaltungsmifteln durch die Fenster; aber die erwartungsvolle Spannung wich immer mehr einer Enttäuschung, und resigniert ling man hier und da schon an zu erwägen, was

wohl zu unternehmen sei, falls auchoben kein Schnee oder nur in ungenügender Höhe.

Eiwas Löhmendes kam in die Stimmung, und nur einige Unentwegte von der Zunſt der Skat- und Schafskopſbrüder blieben unberührt von den Gefühlen der Menge. Endlich ein erlösender Schrei! Unzusammenhängend, zwischen Bäumen und Buschwerk des Waldes glänzten kleine, dann immer mehr sich dehnende, vereiste Schneeflächen. Hochstimmung im Wagen! Von Hart- mannshain aus gehts quer über die Pelder zur Herchenhainer Höhe; der Marsch wird zum Sturmlauf, als dasVater-Bender-Haus plötzlich in Sicht kommt.

Unten massiv, oben durch Breiterverschlag geschütt, von Fichten dreiseitig umgeben, steht das qut eingerichfete und quf bewirtschaftete(Verwalter Habermehl, ca. 90 Betften) Heim des Vogels- berg-Höhenklubs an dem nur möhig steilen Hang der Herchenhainer Höhe. Weithin dehnt sich die Ski- und Rodelfläche, auf der Höhe und nach Osten hin von Fichtenwald umrahmt, der in glitzerndem Rauhreif prunkte. In 2 Stunden etwa erreicht man von hier Taufstein und

Hoherodskopf.

Das Haus war rings umstellt mit den Skibreftern der Gäste es war ja Sonntag im über- füllten Saale ein ständiges Kommen und Gehen. Rasch wurden in den zugewiesenen Zimmern

die Rucksäcke niedergelegt, und schon fuhren auf 2 Bahnen die Rodel von der Höhe zutal: blanke Augen, rote Backen, frohe Rufe und lustiges Purzeln!

Der Sportzug hatte am Abend den großen Schwarm mitgenommen, nur 2 kleinere Schulgruppen (der Schiller- und Grimmschule) waren geblieben. In dem großen Saale, der unter strenges Alkohol- und Rauchverbot gestellt ist, verbreitet ein mächtiger, weit ausladender Kacheloſen be- hagliche Wärme; das ringsum laufende Oſenreck ist dicht behangen mit Schuhen, Strümpfen, Kleidern ein nasses Stilleben. Spiele, stille und laute das Essen war reichlich gewesen Gesänge der Mädchen, humoristische Vorträge, besonders(von unserem Günther) mit Tempera- ment vorgelesene Karlchengeschichten verkürzen die Stunden nach dem Abendbrot. Nur einmal lãrmende Unterbrechung: herein stürmt's, wie in Verzückung, mit dem Schrei:Es schneit! es schneit! Um 10 Uhr ist es still geworden im Hause, von Zeit zu Zeit noch ein letzter Ruf, ein letztes Lachen aus den Schlaſzimmern in dem verödeten, halbdunklen Saale, im Lehnstuhl der warmen Oſenecke sitzend, erzählt mir ein alter Ostafrikaner, Skigast, noch lange von Leffow-

Vorbeck, und am nächsten Morgen lag der Neuschnee 10 cm hoch auf dem alten, verharschten.

Schon im Dämmer des Morgens, lange vor dem Kaffee, als noch die wallenden Nebelſetzen von Westen her über den Hang hinjagten, glitten von der Höhe herab die ersten Rodel, von dem pulverigen Neuschnee umwirbelt. Der schönste Wintertag kam berauf; weit und weich in in ihrer Formenmannigfaltigkeit bot sich dem Auge die besonnte, weiße Gebirgslandschaft, auch in der Seele des Naturabgewandtesten wenn auch nur unbewußte Regungen des Naturgefühls

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