Aufsatz 
Über den Elementar-Unterricht in der lateinischen Sprache / Wilhelm Münscher
Entstehung
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dieß muß sich um so mehr an den Tag legen, je mehr der Unterricht in der lateini- schen Sprache auf eine gründliche und zugleich anregende, der Fassungskraft der Knaben angemessene und ihren Geist nach allen Seiten belebende und befruchtende Weise gegeben wird.

Daher sind auch zu allen Zeiten diejenigen, welche die Verbesserung des Unter- richts zum Gegenstand ihrer Bemühungen machten, vor allen Dingen über den lateini- schen Sprachunterricht nähere Anweisung zu geben bemüht gewesen. Schon der alte Rhetoriker Quintilianus giebt über die Spracherlernung, die er nun freilich als Römer ebensowohl von der griechischen Sprache begonnen wissen will, als wir die lateinische Sprache zur Basis des gründlichen Sprachunterrichts machen, mannigfaltige Regeln, die allerdings mehr die Materie als die Methode betreffen, aber vieles Beherzigungs- werthe enthalten. Sowie man im ganzen Mittelalter in den Schulen jener Zeit das Lateinische als Hauptgegenstand betrachtete, und alles Andre daran anknüpfte, daher auch die Regeln und Vorschriften, die einzelne Gelehrte, wie Rhabanus Maurus, gaben, sich vorzugsweise auf diese Sprache beziehen, so dauerte dieß auch nach der Reformation bei den Protestanten sowohl als bei den Katholiken fort. Indessen ward doch über die Methode des Unterrichts keine feste Norm oder nur Ansicht aufgestellt, und vielmehr jene dem Ermessen der einzelnen Lehrer überlassen. Man sah allzu sehr nur darauf, daß ein bestimmtes und genau abgestecktes Material von Regeln und Wörtern oder Sätzen in die Köpfe gebracht und ein geläufiger Gebrauch des Lateinischen für alle Fächer, die nur in der lateinischen Sprache gelehrt wurden, den Schülern möglich gemacht würde. Auf die Form jenes Unterrichts, auf die Art und Weise, wie die Sprache Eigenthum des Schülers werden sollte, auf den höheren Zweck des Unterrichts, die Bildung des Geistes überhaupt zu befördern, achtete man im Ganzen allzu wenig. Dabei wurde die Vergleichung mit der darniederliegenden Muttersprache allzu sehr ver- nachlässigt und von Geschmacksbildung war wenig Spur zu finden. Nur auf Einfach- heit und Verständlichkeit der Regeln, auf Entfernung mancher allzu argen Geschmack- losigkeiten der früheren Zeit drangen Philipp Melanchthon und Mich ael Neander, welche beide durch ihre Kürze und Bündigkeit ausgezeichnete Grammatiken schrieben und durch ihre Mahnungen und Anweisungen, der letztere durch eine sehr gesegnete Wirksam- keit als Schulmann, zu einiger Verbesserung der überlieferten Methode wirkten. Indessen bildete sich wieder ein Schlendrian, wobei man zwar die Jugend im Auswendiglernen von Regeln und im schriftlichen und mündlichen lateinischen Ausdruck beständig übte, aber doch

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