Aufsatz 
In welcher Beziehung steht die lateinische Sprache zu den Lehrgegenständen der heutigen Realgymnasien?
Entstehung
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und zu rieſengroßen Bäumen heranzuwachſen, die die Sclaven behacken und von denen die Freien die Früchte ableſen. Dieſer Umſchwung und Wechſelverkehr, denn auch die freie Wißenſchaft empfängt, indem ſie gibt, in reichem Maße hat unſre ganzen Verhältniſſe mächtig umgeſtaltet und eine, wenn auch nicht Innig⸗ doch Engigkeit der Verkettung in das Leben gebracht, der der Einzelne nicht mehr zu widerſtehen vermag.

Dieß erſtreckt ſich nicht bloß anf die Bürger einzelner Staaten, ſondern es ſind auch, durch die reißende Schnelligkeit unſerer Verbindungsmittel, zugleich ganze RNationen einander ſo nahe gerückt, daß ihre Hauptſtädte jetzt kaum ſo weit aus einander liegen, als früher die von angrenzenden Provinzen deſſelben Landes. Hier⸗ durch aber haben ſich engere Beziehungen des Verkehrs von Ländern verſchiedener Zungen gebildet, ſo daß, was wir Deutſche uns früher zu einem erkünſtelten Be⸗ dürfniſſe, manchmal zur Erheiterung für Ausländer, machten, jetzt ein wirkliches geworden iſt und bald noch mehr werden dürfte. So geſellte ſich den frühern Erforderniſſen noch das der Befähigung zu, in zwei fremden Sprachen Andre zu ver⸗ ſtehen, und ſich Andern verſtändlich zu machen; der eignen Mutterſprache gar nicht zu gedenken, die, um hier bloß das Bedürfnis des Lebens feſtzuhalten, jetzt für dieſes in Wort und Schrift eine andere Bedeutung als früher gewonnen hat.

Wenn hier nur in flüchtigen Umrißen angedeutet iſt, was, außer der Kennt⸗ nis des eigenſten Berufes jedes Einzelnen, das Leben von dieſem fordert und wenn ſo Vieles, was man früher leichter entbehrte oder doch entbehren zu können meinte, jetzt ſich ſo gewaltig herandrängt, daß oft Wißen und Nichtwißen ſich mit Seyn und Nichtſeyn identificirt: ſo erwacht in jedem Vater, der dieß theilweiſe vielleicht ſehr ſchmerzlich fühlt, das lebhafte Verlangen, wenigſtens ſeine Kinder zu dem be⸗ befähigt zu ſehen, was ſeine eigene Faßungskraft überragt und deſſen Unerreichbarkeit ihn täglich hemmt und drückt.

Wie ſehr der Umſichtige auch, und mit Recht, die ihm in ſeiner Jugend ge⸗ botenen Hülfsmittel zu ſeiner geiſtigen Entwickelung in Ehren hält, ſo ſieht er doch ein, daß für gewiſſe Verhältniſſe des Lebens zwar nicht eine andere Bildungs⸗ weiſe, aber zum Theil ein anderer Stoff nöthig ſey, an dem jene Bildung ge⸗ wonnen werde, weil das Leben zu kurz iſt, als daß ſpäter noch zu dem Alten in ſeiner bisherigen Ausdehnung ſich das Neue, das er wißen muß, in dem gehoͤri⸗