Aufsatz 
Fauna der näheren Umgegend von Bingen : A, I: Säugetiere und Vögel
Entstehung
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Von der Zwergmaus(Mus minutus), von welcher Brehm in ſeinem illuſtr. Thierleben Band II. pag. 136 ſagt, daß ſie von Sibirien an durch ganz Rußland, Ungarn, Polen und Deutſchland bis nach Frankreich und England vorkomme, bekam ich hier noch kein Exemplar zu Geſichte.

9) Cricetus frumentarius Pall., der Hamſter, hier und da in den Getreidefeldern auf dem Rochusberge, wo dieſelben nicht zu ſteinig ſind, häufiger in der Ebene.

Leporina, Haſen:

1) Lepus timidus L, der gem. Haſe, überall an den geeigneten Orten.

2) Lepus cuniculus L, das wilde Kaninchen, an den Abhängen des Rochusberges ziemlich häufig, da es, durch einen früheren Gutsbeſitzer dort angeſiedelt, ſich ſehr vermehrt hat.

Aus der Ordnung Pachydermata s. Multungula, Dickhäuter oder Vielhufer iſt anzuführen:

Sus scrofa L., das Wildſchwein, im Binger, Büdesheimer und Trechtingshäuſer Walde. Vor mehreren Jahren hatte ſich ein ſolches im Winter, wahrſcheinlich durch die Jagd verſprengt, auf die zugefrorene Nahe verlaufen, wo es von einem hieſigen Metzger erbeutet wurde..

Die Ordnung Solidungula, Einhufer, welche nur durch gezähmte Thiere vertreten iſt, übergehend, führe ich aus der Ordnung Ruminantia s. Bisulca, Wiederkäuer oder Zweihufer an:

Cervina, Hirſche: 1) Cervus capreolus L, das Reh, welches in den Wäldern der Umgegend Bingens diesſeit und jenſeit des Rheins noch ziemlich häufig anzutreffen iſt. 3 2) Cervus eiaphus L., der Edelhirſch, ſeltener, als das Reh, doch im Trechtingshäuſer Walde und als Ueberläufer auch hie und da im Binger Walde noch vorkommend.

II. Vögel(Ares).

Ungleich zahlreicher, als die Fauna der Säugethiere, iſt die der Bögel in der Umgegend von Bingen, was ſchon aus dem Verhältniſſe der Artenzahl dieſer und der vorhergehenden Klaſſe hervorgeht, und wie es überall der Fall iſt an Orten, wo alle Bedingungen erfüllt ſind, an welche das Leben der Vögel geknüpft iſt. Sowie indeſſen die mit Rieſenſchritten vordringende Cultur immer mehr und mehr jedes Läppchen Erde nutzbar zu machen ſucht, und wie an den einſamſten, dem Leben einzelner Abtheilungen der Vögel beſonders günſtigen Orten, wo Waſſer, Gebüſch, Röhricht, Wieſen und einzelne Bäume das herrlichſte Aſyl für dieſelben boten, nun das Dampfroß einherbranſ't, ſo auch in der Nähe Bingens. Es konnte für eine ganze Reihe von Vögeln, insbeſondere für Waſſer⸗ und Sumpfvögel aller Art kei⸗ nen günſtigern Aufenthaltsort geben, als das, am Einfluſſe der Nahe in den Rhein gelegene, ſogenannte Grün, wie es in früheren Jahren vor der Errichtung der Eiſenbahnſtation Bingerbrück war. Der Sammler konnte von dorther man⸗ ches ſchöne und ſeltene Stück erhalten. Allein ſtatt des wunderbaren Geſanges des Droſſelrohrſängers(Syl- via turdoides) und der übrigen Rohrſänger hört man jetzt dort nur noch die ſchrillen Töne der Eiſenbahnpfeiſen; wo ſich Kampfhähne mit aufgeſträubtem Kragen herumtummelten, da kämpft der menſchliche Fleiß mit den Ele⸗ menten, um der Natur und der Stadt Bingen zum Trotze einen bequemen Hafen herzurichten; wo der Kibitz ſein Geſchrei ertönen ließ, da ertönen die Stimmen arbeitender Tagewerker; wo der Fiſchreiher unbeweglich, von Zeit zu Zeit den Kopf nach einem unglücklichen Opfer vorſchnellend, am Ufer ſtand, da fiſchen jetzt Müßiggänger zur Kurz⸗ weile; wo Goldregenpfeiſer, verſchiedene Arten wilder Enten, Rohrdommeln, Auſternfiſcher, Uſerläufer u. ſ. w. bunt durch einander ſchrieen, da ſchallt nun der Ruf der Conducteure, welche die Richtung der Züge bekannt machen!

Den Naturforſcher berühren ſolche Veränderungen wehmüthig; doch kann er nur das Verſchwinden der Gegen⸗ ſtände ſeiner Forſchung und Vorliebe, nicht aber die fortſchreitende Kultur beklagen, anſonſten er mit ſich ſelbſt im Widerſpruch wäre.

I. Ordnung: Raptatores, Naubvögel.

a) Tagraubvögel. Accipitrinae, Falken:

) Pandion haliaétos L., der Fiſchadler, den ich ſchon mehrmals am Bingerloche beobachtete, wo er in bekannter Weiſe ſeine Fiſchjagd betrieb. Er wurde mir von Trechtingshauſen zum Ausſtopfen geliefert.

2) Falco buteo L., der Mäuſebuſſard, welcher ungemein nützliche Vogel in hieſiger Gegend ſeyr häufig iſt und leider, da ſein Nutzen zu wenig bekannt iſt, noch viel zu häufig weggeſchoſſen wird. Brehm hält demſelben im lll. Bande ſeines illuſtr. Thierlebens pag 514 eine begeiſterte Lobrede, und nennt ihn darin einen heiligen Vogel. Lenz berechnet die Anzahl der Mäuſe, die eine Buſſardfamilie jährlich vertilgt, auf 50,000. Blaſius will 30 Stück Mäuſe aus dem Magen eines einzigen Buſſards gezogen haben und Martin führt an, daß er etwa 100 dieſer Vögel geöffnet und in den Kröpfen aller nur Mäuſe gefunden habe. Es geht aus dieſen Beobachtungen hervor, wie ſehr der Landwirth Urſache hat, dieſen Vogel zu ſchonen.

3) Falco apivorus L., der Weſpe nbuſſard, ziemlich häufig, doch nicht ſo gemein, wie Falco huteo. Es wurden mir ſchon mehrere geliefert, die ſtets die Brut aus den Waben der Weſpen, Hummeln ꝛc. im Kropfe hatten.

4) Palco milyus L, der rothe Milan, die Gabelweihe, den ich zur Zeit des Zuges im März und September in den Feldern der Dietersheimer und der angrenzenden Gemarkungen umherſtreichen ſah.