Durch den veränderten Normalplan ist kein Gegenstand des Gymnasial-Unterrichts stärker berührt worden, als der ihm von allen am meisten eigentümliche, das Griechische. Dadurch, dals dies fortan ein Jahr später beginnt, wird der Unterricht in einer Sprache, welche doch verhältnismäſsig die schwerste ist, die überhaupt im Gymnasium gelehrt wird, erheblich beschränkt, und es wird dadurch erschwert, gute Endleistungen darin zu erzielen. Dafs die in Tertia und Sekunda zugelegte eine wöchentliche Mehrstunde(7 statt 6) für diesen Verlust keinen aus- reichenden Ersatz biete, ist die Ansicht der meisten Schulmänner und wird im ganzen durch unsre Erfahrungen bestätigt. Das Frankfurter Gymnasium hatte früher 7 Stunden Griechisch wöchentlich in allen Klassen, namentlich auch in Prima. Wir haben seit Ostern 1876, wo die bisher geltende Normalzahl von 6 Stunden eingeführt wurde, keine erhebliche Abnahme in den Leistungen verspürt, aufser im Umfang der Lektüre. Dagegen haben wir oft bemerkt, dals Schüler, die nach einer kürzeren Vorbereitungszeit im Griechischen, als sie bishér auf preuſsi- schen Gymnasien gestattet war, in unsre Sekunda oder Prima eintraten, nicht nur im Griechisch- Schreiben, sondern auch in der Vokabelkunde und in der Sicherheit und Leichtigkeit des Verständnisses der Schriftsteller hinter ihren länger vorbereiteten Mitschülern zurück- standen. Es ist zu vermuten, daſs andre preufsische Gymnasien dieselbe Erfahrung gemacht haben. Da nun der Ministerialerlals vom 31. März v. J.„eine nach dem Malse der verfüg- baren Zeit umfassende Lektüre des Bedeutendsten aus der klassischen poetischen und prosaischen Litteratur, welche geeignet ist, einen bleibenden Eindruck von dem Werte der griechischen Litteratur und von ihrem Einflufs auf die Entwicklung der andern Litteraturen hervorzubringen“ als die hauptsächlichste Aufgabe des griechischen Unterrichts betont— und jeder, der die griechische Litteratur kennt, wird dem Herrn Minister für diese Hervor- hebung danken—, haben wir die Mittel, durch welche dies Ziel trotz der verkürzten Lehrzeit zu erreichen ist, reiflich zu erwägen gehabt.
Wir gingen von dem Gedanken aus, daſs niemand eine Sprache verstehen kann ohne eine Kenntnis ihrer Formen und ihres Satzbaus und ein umfassendes Wissen ihrer Wortbedeu- tungen. Am wenigsten kann dies bei einer alten Sprache geschehen; in keins der beiden klassischen Idiome kann man sich weder hineindämmern noch, da die Völker verschwunden sind, die sie sprachen, hineinparlieren. Es bedarf also einer genauen grammatischen Grundlage, um zu einem einigermafsen befriedigenden Verständnis der Schriftsteller zu gelangen. Für diese Grundlage ist in Obersekunda der Abschlufs zu gewinnen, daher denn in folgerichtigster Weise das dafür entscheidende Scriptum der Abiturienten-Prüfung abgenommen und auf den Über- gang von Obersekunda nach Unterprima verlegt ist. Die noch den Schreibübungen gewidmete eine wöchentliche Stunde in Prima hat offenbar nur den Zweck, das grammatische Gewissen für das Verständnis der Lektüre rege zu halten, da dieses leicht ohne jenes unsicher wird. Wir behalten also den bisherigen Lehrgang insoweit unverändert bei, daſs wir die Syntax als die der Mittelstufe(Unter- und Obersekunda) angehörige Hauptaufgabe bestehen lassen, die
Formenlehre aber der untersten Stufe(Unter- und Ober-Tertia) zuweisen. Wenn nun in diesen 1*


