Aufsatz 
Bericht über die Jahrhundertfeier der Realschule der israelitischen Gemeinde Philanthropin zu Frankfurt a.M
Entstehung
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Die Schule hat. eine ungeheure Anzahl-junger Leute, und nicht nur dieser Stadt, Knaben und Mädchen, mit nützlichen Kenntnissen und Bürgertugenden ausgerüstet. Sie hat sie in den ersten Jahrzehnten ihres Bestehens in deutsche Art und vaterländischen Sinn sich einzuleben gelehrt und päter, nach der Wiederaufrichtung des deutschen Reichs, die Herzen der Zöglinge mit Begeisterung für das neuerstandene Reich und seine Kaiser zu erfüllen verstanden. Sie hat sie aber auch zu be- geisterten, gesinnungstüchtigen Juden erzogen, die in sich die Ueberzeugung aufgenommen, dass das Judentum noch eine Zukunft hat und dass es die Pflicht seiner Bekenner sei, es dieser seiner Zukunft entgegenzuführen. Und sie hat endlich den Beweis erbracht, dass das Judentum, nach seinem Geiste erfasst und fortgebildet, mit der modernen Bildung und den Anforderungen des pürgerlichen Lebens durchaus in Einklang steht.

Aber mit welcher Liebe hat sich auch die Gemeinde ihrer Schule angenommen! Schon zu der Zeit, wo eine rechtliche Verpflichtung zur Fürsorge für die Schule noch nicht bestand. hat sie diese Bildungsanstalt in jeder Weise zu fördern sich bemüht, und gar bald ist sie dazu übergegangen. die Schule ganz auf ihre Kosten zu führen und zu erhalten, was zeitweise den Aufwand von mehr als der Hälfte des Steuereinkommens in sich schloss und heute noch den Aufwand von fast der Hälfte desselben bedeutet. Erst kürlich sind dank dieser Fürsorge die Gehalts- und Reliktenverhältnisse der Lehrer im Sinne einer vollständigen Gleichstellung derselben mit ihren an den anderen öffentlichen höheren Lchr-Anstaltén der Monarchie wirkenden Collegen georduet worden.

Indessen hat die Schule den Dank, den sie der Gemeinde für ihre ununterbrochene Teil- nahme und Unterstützung schuldet, ahgetragen: sie hat den Ruhm der Gemeinde in alle Länder hinaus- getragen; mit von ihr ist zum Sogen der Gemeinde nicht nur. sondern der ganzen Gemeinschaft eine Hebung und Belebung des neuzeitlichen Judentums ausgegangen.

Als ein Zeichen der Anerkennung der Dienste, die die Schule der Gemeinde geleistet, und der Verdienste. die sie sich insbesondere um die Vereinigung der religiösen Erkenntnis mit den herr- lichsten Bluten deutschen Geisteslebens erworben, hat die Gemeinde der Schule zu diesem ihrem Jubeltage ein Bildnis Sr. Majestät des Kaisers, des hochsinnigen und starkgeistigen Förderers aller idealen Bestrebungen, geschenkt, und sie hat weiter einem lang gehegten Wunsche der Schule nach Anschaffung eines Harmoniums entsprochen.

Mäge das ist der Wunsch, der die israelitische Gemeinde an dem Jubeltage ihrer Schule bescelt möge diese Schule weiter ihres hohen Berufes walten; möge sie, wie sie im ersten Jahr-

hundert ihres Bestehens reichsten Segen auf die Vaterstadt und das Vaterland ergossen, auch im zweiten Jahrhundert fruchtbringend wirken, und mögen ihre Lehren weiter zeitigen eine Fülle von Bekundungen wahrhafter Religiosität, echten Bürgersinnes, reinster Vaterlandsliebe und edelsten Menschentums! Das walte Gott!

Die Glückwünsche der Direktoren der höheren Lehranstalten Frankfurts überbrachte sodann der damalige Leiter des Goethe-Gymnasiums, Herr Geh. Re- gierungsrat Dr. Reinhardt:

Den Angehörigen dieser Schule, die heute gefeiert wird, insbesondere dem Lehrerkollegium und den beiden hier anwesenden Leitern der Anstalt, pringe ich im Namen der Direktoren aller höhe- ren Lehranstalten dieser Stadt die herzlichsten Glück- und Segenswünsche dar. Als diese Schule, die jetzt einen starken, müchtigen Organismus bildet, ein kleines Kind, noch in der Wiege lag, standen um diese Wiege mit vielen der edelsten Männer dieser Stadt auch die einzigen Direktoren der Schulen, die damals als höhere Schulen bereits in Frankfurt bestanden, der Musterschule und des alten städti- schen Gymnasiums. Der Musterschule ist heute schon verschiedentlich gedacht worden. Der erste Direktor dieser Anstalt hat viel dazu beigetragen, dass dieses Werk gedeihen konnte. Aber es ist für denjenigen, der der Direktor des einzigen Gymnasiums dieser Stadt bis zum Jahre 1888 gewesen ist, erfreulich zu schen, dass die Direktoren der alten schon 1520 gegründeten Lateinschule eben- falls an dieser Wiege gestanden haben. Mosche und sein Nachfolger Matthiae haben der Anstalt mit Rat und Tat geholfen, sind mit tütig gewesen bei der Auswahl der Lehrkräfte, haben freundliche