Aufsatz 
Bericht über die Jahrhundertfeier der Realschule der israelitischen Gemeinde Philanthropin zu Frankfurt a.M
Entstehung
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nicht lösen, das Verlangen der Menschenseele nach Gott vermag sie nicht zu Stillen, und so wird immerdar die gläubige Gottesfurcht die dritte Grundlage bleiben für die Bildung und Erziehung auch der jüdischen Jugend.

Die Geschichte des Philanthropins gibt davon Zeugnis, wie diese idealen Kräfte glücklich und tatkräftig verkörpert gewesen sind in den Mitgliedern nicht nur des Lehrerkollegiums, sondern auch des Schulrats. Die Einwirkung des Schulrats hat sich nicht beschrünkt auf die äussere materielle Fürsorge, sie hat sich auch erstreckt auf den Geist, der in der Schule waltete, auf die Gewissenhaftigkeit und Pünktlichkeit, mit der in ihr gearbeitet wurde. Beim Ubergung in die preussische Verwaltung hat freilich der Schulrat einen Teil seiner Befugnisse an das Königliche Provinzial-Schulkollegium ab- treten müssen; aber diese Teilung der Arbeit hat ein gedeihliches Zusammenwirken nicht gestört, und ohne Rückhalt erkennt die Schulaufsichtsbehörde die hohen Verdienste an, die sich der Schulrat in so reichem Masse erworben hat und fort und fort erwirbt. Ausseren Ausdruck hat diese Anerkennung gefunden in den Ordensauszeichnungen, die durch Allerhöchsten Erlass vom 27. v. Mts. Sr. Majestät des Königs dem Vorsitzenden des Schulrats, Herrn Stadtrat a. D. Horkheimer, und seinem Stell- vertreter, Herrn Kaufmann Dann, verliehen worden sind. Es war mir eine besondere Freude, den genannten Herren diese Auszeichnungen bereits vor Beginn dieser Feier zu überreichen.

Wie wollten wir aber heute mit freudiger Zuversicht die Jahrhundertfeier des Philanthropins begehen, wenn wir nicht wüssten, dass die Anstalt mit den Aufgaben der Zeit rüstig fortgeschritten ist, dass eine stattliche Schar von Lehrern und Lehrerinnen mit Eifer und Hingebung wie mit gutem Gelingen bpemüht ist, dem Vorbild ihres rührigen und tatkräftigen Direktors folgend, die Pflichten des Berufs treu zu erfüllen und die Leistungen der Schule auf der richtigen Höhe zu erhalten. Auch diesen redlichen Bemühungen soll heute ein äusseres Zeichen der Anerkennung nicht fehlen. Se. Majestät der König hat aus Anlass der heutigen Feier ferner dem Herrn Direktor Dr. Adler wie auch dem dienstältesten Oberlehrer Herrn Professor Dr. Epstein den Roten Adlerorden IV. Klasse, dem dienst- ältesten Elementar- und Vorschullehrer Scherer den Kronenorden IV. Klasse. endlich dem Schuldiener Olesch das Allgemeine Ehrenzeichen zu verleihen geruht. Ich bitte die genannten Herren diese Auszeichnungen in Empfang zu nehmen

Und nun möchte ich auch der Anstalt noch eimmal die wärmsten Glückwünsche aussprechen und sie anknüpfen an das Wort: Introite, nam et hic sunt dei Tretet ein, denn auch hier wohnen Götter, auch hier sind Krufte lebendig, edle Menschlichkeit, Liebe zum Vaterlande und Gottesfurcht in die Herzen der Jugend zu pflanzen. Möge fort und fort hier ein Geschiecht heranwachsen, das. frei von engherzigen Vorurteilen, beseelt ist von warmer, hilfbereiter Menschen- und Nächstenliebe. ein Geschlecht, dessen Leitsterne sind Vaterlandsliche und Gottesfurcht, das befähigt ist mitzuarbeiten an der Kulturäufgabe seiner Zeit, eine Jugend, die das von den Vätern überkommene Erbe zu erhalten und zu mehren weiss. Und so walte Gottes Schutz und Segen über dieser Anstalt heute und allezeit!

Hierauf sprach Herr Oberbürgermeister Dr. Adickes die herzlichsten Wünsche des Magistrats und der Stadt Frankfurt aus:

Es ist mir eine besondere Freude, den Organen des Philanthropins, dem Lehrerkollegium und der isr. Gemeinde, die herzlichsten Glückwünsche Namens des Magistrats, der städtischen Behörden und der Stadt Frankfurt zu sagen. Es ist ein Jahr verflossen, seitdem die Musterschule ihre hundert- jährige Feier abgehalten hat. Heute feiert nun das Philanthropin, das in seinen Anfängen eng mit der Musterschule verbunden war und denselben grossen Strömungen entsprungen ist, wie die Muster- schule. Wir haben aus den begeisterten und pegeisternden Worten des Herrn Direktor Adler von diesen grossen Strömungen der damaligen Zeit gehört. Wir wissen, mit welcher Leidenschaftlichkeit das 18. Jahrhundert den grossen Fragen einer rein menschlichen Erziehung nachstrebte und Ideale aufstellte, die immer von neuem versucht wurden zu verwirklichen. Diesem Gedankenniveau entsprang auch das Philanthropin. Aber damit verbindet sich noch eine andere Seite, die Stellung, die es ein- nimmt in der Geschichte der inneren UImgestaltung des Judentums. Wohl war längst im Staate des grossen Kurfürsten und des grossen Friedrich eine Entwicklung eingetreten, die das Judentum frei von den alten Fesseln in neue Bahnen hineingeleitet hatte und zahlreich schon waren die Schulen, die