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Zuerst überbrachte Herr Provinzialschulrat Dr. Kaiser die Glück- wünsche des Kgl. Provinzialschulkollegiums:
Hochgeehrte Festversammlung!
Es ist mir der ehrenvolle Auftrag zu teil geworden, der Realschule der israelitischen Gemeinde, dem Philanthropin, bei der heutigen Feier seines hundertjährigen Bestehens namens des Königlichen Provinzial-Schulkollegiums die herzlichsten Glückwünsche und Festosgrüsse zu über- bringen. Seine Excellenz der Herr Oberpräsident ist leider durch anderweitige Dienstgeschäfte ver- hindert, an der heutigen Feier persönlich teilzunehmen. Aber er nimmt, wie auch die übrigen Mit- glieder unserer Behörde, warmen Anteil an diesem bedeutungsvollen Feste. Das Provinzial-Schul- kollegium weiss sehr wolil, ein wie wichtiges Glied das Philanthropin bildet in der Reihe der höheren Schulen Frankfurts.
Ich darf davon absehen, über die Bedeutung der heutigen Feier mich des näheren auszu- sprechen; auf welchen treibenden Ideen die innere Lepenskraft des Philanthropins beruht, welche wechselnden Geschicke die Anstalt seit ihren ersten pescheidenen Anfängen erfahren hat, welches die hervorragenden Persönlichkeiten gewesen sind, die in selbstloser Hingebung mit den reichen Gaben ihres Geistes und Herzens das Werk gefördert haben, dessen gutes und glückliches Gelingen wir in dieser Stunde feiern— das alles ist in der soeben vernommenen Festrede mit beredten Worten zum Ausdruck gebracht und in der die Geschichte der Anstalt enthaltenden stattlichen Festschrift in um- fassender Weise dargelegt. Ich darf mich darauf peschränken, einige Gedanken hervorzuheben, die mir aus der Festrede des Herrn Direktor Dr. Adler wie aus der Festschrift entgegengetreten sind
Als ein Werk rettender Menschen- und Nächstenliebe ist das Philanthropin ins Leben gerufen worden. Sein Gründer stellte sich zunächst die Aufgabe, einen verlassenen fremden Knaben und arme Kinder der Judengasse durch eine geeignete Bildung und Erziehung auf eine menschenwürdigere Stufe des Daseins zu erheben. So ist es also wie bei den Schöpfungen eines August Hermann Franke, eines Pestalozzi die helfende und rettende Liebe gewesen, die wir als die Triebkraft auch zu diesem Werke betrachten müssen. Und diese opferwillige Liebe ist lebendig geblieben bis nuf diesen Tag bei allen, denen das Wohl dieser Schule in erster Linie anvertraut ist. Und darin erblicke ich eine sichere Bürgschaft für das weitere glückliche Gedeihen des Philanthropins. Die Gründer des Philanthropins sind ferner beseelt gewesen von dem eifrigen Bestreben, ihren jüdischen Glaubensgenossen die volle Gleichberechtigung mit ihren christlichen Mitbürgern zu erkämpfen. Sie waren aber auch durchdrungen von dem Bewusstsein, dass Rechte nicht einfach durch Forderungen erworben werden, sondern durch die Ubernahme und gewissenhafte Erfüllung von Pflichten, dass auch die Juden sich erfüllen mussten mit deutschem Sinne und deutscher Bildung, dass die Liebe zum Vaterlande ihnen ein Heiligtum werden musste, dass sie vollwertige Bürger nur werden konnten als treue Söhne des preussischen und des deutschen Vaterlandes. Die kraftlose Idee eines allgemeinen Weltbürgertums musste weichen dem lebendigen Gefühl der festen Zugehörigkeit zu dem durch die Grosstaten Wilhelms I. mächtig und einig wiedererstandenen deutschen Reich. Wie einst der Römer seinem Staatsbewusstsein Ausdruck gab mit dem stolzen Wort„Civis sum Romanus“, so dürfen wir heute mit nicht geringerem Stolze bekennen:„Ich bin ein deutscher Bürger“?. In der Vaterlandsliebe, in der Treue zu Kaiser und Reich, die hier allezeit hochgehalten und gepflegt wurde, erblicke ich die zweite Grundlage, auf der die Bildungsarbeit des Philanthropins sich aufgebaut hat und weiter auf- bauen wird.
Damit hängt weiter zusammen, dass die deutsche Sprache von vornherein eine erhöhte Be- deutung gewann, nicht nur für den Unterricht, sondern auch für den Gottesdienst. Sollte der Buch- stabe nicht töten, sondern der Geist lebendig machen, sollte das Gemüt wirklich innerlich erfasst werden, dann musste das volle Verständnis der Schrift wie der Predigt durch den Gebrauch der deutschen Muttersprache erschlossen werden. So haben die Schulandachten im Philanthropin segensreich gewirkt weit über den Bereich der Schule hinaus. Aber wie sehr auch die hier mitwirkenden Ideen der Auf- kKlürungsphilosophie zur Hebung des Judentums beigetragen haben, so muss doch andererseits vor einer Überschätzung der Tragkraft der Vernunft gewarnt werden. Die letzten Rätsel des Daseins kann sie


