Aufsatz 
Bericht über die Jahrhundertfeier der Realschule der israelitischen Gemeinde Philanthropin zu Frankfurt a.M
Entstehung
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der deutschen Dichter und Denker bildet sich ihre Ideenwelt, bildet sich der deutsche Idealismus, der zu dem gleichen herrlichen Ziele führt wie unsere Religion, dass das eigentliche Glück, der wahre Wert des Daseins nicht in der Aussenwelt, sondern allein im inneren Leben liegt.

Derselbe Oberlehrer Hess, der in der ersten von ihm verfassten Schulschrift die Erziehung zum Weltbürgertum als vornehmlichste Aufgabe jeder wahren Erziehungsanstalt fordert, ist schon wenige Jahre später 1814 zu der UÜberzeugung gelangt, dass diese Aufgabe in der Heranbildung tugendhafter und wahrhaft religiöser Bürger des Vaterlandes liegt, und in unentwegter Treue hat er in diesem nationalen Geist das Philanthropin bis in sein hohes Alter geleitet. Diesen nationalen Geist zu pflegen, das nationale Gefühl kraftvoll in der Jugend, die hier erzogen wurde, pulsieren zu lassen, war das gleicheifrige Bemühen aller seiner Nachfolger. In der trüben Zeit der Reaktion, als die Betätigung deutscher Gesinnung als Hochverrat gebrandmarkt wurde, hat der Nachfolger von Hess, Sigismund Stern, ein hervorragendes Mitglied der Gothaer Partei und des Nationalvereins, für die Herstellung einer festen Einigung unter den deutschen Stämmen durch seine Schriften wie nament- lieh durch sein lebendiges Wort auf den Versammlungen des allgemeinen deutschen Lehrervereins, pei der Enthüllung des Frankfurter Schillerdenkmals gewirkt und jede Gelegenheit in Unterricht wie pei den Schulfeiern(so beim 100 jährigen Geburtstag Schillers, beim Dahinscheiden Uhlands) benutzt, um die Zöglinge für das Vaterland zu entflammen. Dem Vaterlande zu dienen, das war allezeit auch der Stolz meines hochverehrten Herrn Amtsvorgängers, den Gottes Gnade diesem Feste beiwohnen lässt. Diesem Dienst widmete er seine Lernjahre durch eifrige Forschungen in der Geschichte des deutschen Mittelalters, für diesen Dienst erzog er in mehr als 30 jähriger Tätigkeit Generationen von Schülern und Schülerinnen und kettete sie durch seine Unterweisung unauflöslich an die Heimat, selbst wenn sie später ihr Geschick auf lange Jahre in weite Fernen entführte.

Diese Treue, diese Liebe zum deutschen Vaterlande oder, wie wir heut mit gehobenem Ge- fühl sagen können, zu Kaiser und Reich ist gleichmässig fest und innig geblieben, welche Wirkung auch immer die wechselnden politischen Verhältnisse nach den Freiheitskriegen bis zur Gegenwart auf Schule und Lehrer übten. 4

Wie jubelten gleich den übrigen Bürgern der Stadt Vorsteher und Lehrer des Philanthropins bei der Kunde, dass der alten Kaiserstadt ihre Freiheit wiedergegeben sei! Und ihre wahrhafte Herzensfreude blieb bestehen und wich selbst dann nicht der Sehnsucht nach der Dalbergischen Zeit, als mit dem freistädtischen Regiment die engherzigen und kleinlichen Beschrünkungen der jüdischen Bewohner einzogen, als von den nunmehrigen Machthabern dem Philanthropin im Gegensatz zu den reichen Mitteln, die den anderen Anstalten gewährt wurden jede Unterstützung verweigert und der von Dalberg bewilligte Zuschuss entzogen wurde. Niemals haben auch die feindlichen Ge- walten, die wiederholt die auf dem gemeinsamen Boden des deutschen Vaterlandes zusammengeschweissten Teile der deutschen Nation zu zerreissen trachteten, unsere Liebe zum Vaterland und unser Bewusst- sein der Zusammengehörigkeit mit den übrigen Staatsbürgern lockern können. Zusammengehalten, brüderlich zusammengehalten haben in guten und bösen Tagen alle Glieder des Philan- thropins mit den anderen Bürgern des Vaterlandes. In schwerer Zeit haben sie mit ihnen gebangt und gesorgt, willig und gern sich mit ihnen zu plutiger Wehr um des Vaterlandes Ehre dem Feinde entgegengestellt, in der Zeit des Friedens haben sie dem Rate dieser Stadt, ihren zahlreichen patri- otischen und humanitären Vereinigungen bereitwilligst ihre Kräfte gewidmet und nicht minder in den stillen Kammern,wo der wahrhaft tiefste Rat für Menschenwohl gepflegt wird, da nämlich, wo der Geist arbeitet, in der Form der Wissenschaft« sich zu jeder Zeit und auf allen Teilgebieten der Wissenschaft eifrig betätigt. Hier hat, um nur einige Dahingeschiedene zu erwühnen, unser Lazarus Geiger den sprachwissenschaftlichen Forschungen neue Bahnen gewiesen, haben unsere Dobriner, Weortheim und Strauss die Mathematik, unser Blum die Naturwissenschaften gefördert, hier beseelt noch heut, getreu der am Philanthropin bestehenden Tradition, Lehrer und Schüler deutsche Wissen- schaft nach deutscher Art, für deutsche Ehre!

Durch dieses Gefühl der innigen Zusammengehörigkeit, durch diese stille, rastlose Geistes- arbeit hat sich das Philanthropin die Gleichwertigkeit und Ebenbürtigkeit mit den übrigen Schulen