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DPflicht gemacht, die lediglich durch die Jahrhunderte geheiligt sind, die ihren Wert für die wahre Gotteserkenntnis und die reine Sittlichkeit aber längst eingebüsst haben. Andererseits haben sie ihre Zöglinge in die Pflichten eingeweiht, die für den Menschen, der Gott erkannt hat, erwachsen, und die jeder, auch der Armste und Geringste, erfüllen kann— das ganze Leben in den Dienst der Ideale zu stellen, nach sittlicher Vollkommenheit, nach Heiligkeit zu streben:„Heilig sollt ihr sein, denn heilig bin ich, der Ewige, Euer Gott!« In ihrem Unterricht haben sie den Schülern gezeigt, dass an diesem idealen Ringen und Streben Religion und wahre Wissenschaft teilnehmen, dass hei solcher Auffassung der angeblich unüberbrückbare Gegensatz zwischen religiiser und wissenschaftlicher Welt- anschauung nicht besteht; hier haben sie ihre Schüler mit der Mission vertraut gemacht, die Gottes- erkenntnis, die ihnen als köstliches Erbe von den Ahnen überkommen ist, in unerschütterlicher Treue zu bewahren und dem künftigen Geschlecht zu überliefern, damit einst die gesamte Menschheit mit diesem Segen beglückt werde und geeint sei in den Grundwahrheiten der Einheit Gottes und des Menschengeschlechts und in den sittlichen Principien; hier haben sie ihre Zöglinge mit der hoffnungs- reichen Zuversicht erfüllt, dass sich diese Einigung vollziehen wird, dass sich schon„innner deutlicher eine Annäherung an die Ziele, die dem Judentum auf seiner geschichtlichen Bahn zu allen Zeiten vor- geschwebt haben— trot⸗ zeitv eiliger Rückschritte— vollzieht.“
Eine gleiche Ausgestaltung und Vertiefung wie die religiösen erfuhren im Laufe der Zeit die politischen Ideen; die Anschanung von Vaterland und den Pflichten und Rechten der Bürger des Staates tritt in der Schule vor allem, wie erwähnt, im Geschichts- und deutschen Unterricht zu Tage. Zu welcher Auffassung von Heimat und Vaterland mussten die Begründer der Anstalt, wenn sie einen Blick in die Vergangenheit warfen. gelangen? Als Freinde. von der europäischen Kultur abgeschlossene Nation hatten ihre Glaubensgenossen Jahrhunderte hindurch in Deutschland geweilt, Religionshass, Verfülgung und Verhöhnung hatten in ihnen das Bewusstsein von der Zugehörigkeit zum Vaterland, das Heimatsgefühl, das in der ersten Hälfte des Mittelalters mächtig in ihrer Brust gewogt, schwinden lassen. Da erschien die Sonne der Aufklärung am Horizont der Welt; sie drang bei ihrem Zenithstand auch in die eng aneinander gedrängten, dumpfen Häuser des Ghetto und prachte seinen geknechteten, von Druck und Elend gekrümmten Bewohnern die Frühlingshoffnung einer neuen, glücklicheren Zeit. Mit lautem Jubel vernahmen sie das Wort von der wesentlichen Gleichheit der menschlichen Natur, von den Zufälligkeiten der historischen Bildungen, die abgestreift werden müssen, damit das Wirkliche. Natürliche und Vernünftige zur friedlichen Herrschaft gelangen könne. Zu diesen Zufälligkeiten gehören nach dem Ausspruch der Wortführer der neuen Bewegung auch die nationalen Unterschiede; die fortschreitende Bildung setzt an ihre Stelle die kosmopolitische Idee, die sich nun bis zu der gewaltigen Erhebung des deutschen Geistes in den Freiheitskriegen allerorten behauptet. In diesen Gedankenkreis treten die durch das Ghetto bisher Zurückgedrängten aus der engen Schranke sofort in ein Weltbürgertum. dessen einziges Interesse eine vernünftige Regierung ist, das kein Verständnis besitzt für den nationalen Staat, die nationale Einheit, das Nationalgefühl. Zu diesem Weltbürgertum, dem übrigens damals alle Bevölkerungsschichten, nicht ploss die Juden. anhingen, wird die Jugend in dem neubegründeten Philanthropin wie auch in den übrigen Schulen herangebildet; niemand empfindet die Schmach, die dem deutschen Namen grade um diese Zeit angetan wird, in begeisterten Worten begrüssen Gruner von der Musterschule wie Geisenheimer und Hess vom Philanthropin die neue Zeit des freien Menschentums, des tatkrüftigen Idealismus, nicht genug können sie den Fürstprimas von Dalberg preisen, dessen„heiliger Wandel“„der Leitfaden“ sein soll, nach dem Sie ihr Wirken richten wollen
UInd doch tritt noch während der napoleonischen Aera ein UImschwung in diesen Anschau- ungen ein. Die hehren Schöpfungen der deutschen Geisteshelden, mögen diese selbst auch von kos- mopolitischen Ideen erfüllt sein, schaffen einen neuen Boden für deutsche Bildung, aus der sich als herrliche Frucht der nationale Gedanke erhebt. Wie für alle Schulen gibt er auch für das Philan- thropin fortab die Grundlage der Erziehung: Eine deutsche Schule zu sein, bleibt allezeit unserer Anstalt Stolz; deutsche Bildung, deutsche Gesittung zu pflegen ihr oberstes Ziel. Die grossen Ge- stalten, die bedeutenden Begebenheiten der deutschen Vorzeit machen die Schüler mit den histo- rischen Grundlagen des Staates, dessen Bürger sie später werden sollten, bekannt; aus den Werken


