Aufsatz 
Shakespeare und Bacon. Darlegung und Würdigung der sogenannten Bacon-Theorie
Entstehung
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dessenNew Theory, die er als ketzerisch mit aller Energie bekämpfte Zu eben dieser Zeit nahmen zwei Landsmäânninnen der Miss Delia Bacon die derselben entfallenen Waffen gegen Shakespeare auf, um, unabhängig von einander, deren Werk weiter zu führen. Mrs. F. C. Ashmead Windle glaubte die Lösung des Raätsels in einer Geheimschrift gefunden zu haben, die sie in gleicher Weise in den Werken Bacons und Shakespeares entzifferte, und deren Entdeckung sie in einem im Jahre 1882 s gedrucktenBerichte an das Britisn Museum veröoffentlichte. Eine auch nur oberflächliche Betrachtung ihres Fundes lässt es erklärlich erscheinen, dass ihre Entdeckung selbst bei den Anhängern der Bacon-Theorie nur äusserst geringe Beachtung fand; vielleicht aber hat dieser Umstand mit dazu beigetragen, dass sie dem gleichen traurigen Schicksale wie ihre Vorgängerin zum Opfer fiel. Aber noch ehe das von dieser zweiten Märtyrerin begonnene Werk von einem mit kräftigeren Nerven begabten männlichen Genossen weitergeführt wurde, trat schon als dritte Vor- kämpferin für den neuen Glauben, ausgerüstet mit völlig neuen Waffen, Mrs. H. Pott in die Arena. ¹ Das Beweismaterial, auf Grund dessen sie ihren Feldzug zu gunsten der Bacon-Theorie unternahm, musste ihr eine bereits von Spedding in dessen Ausgabe von BaconsLife und Work(s. Anm. 8) auszugsweise wieder- gegebene Sammlung einer grossen Zahl von Ausdrücken, Sprichwörtern und Citaten liefern, die man im Britisn Museum in einem Bündel von 50 Folioblättern entdeckt, und in denen man Bacons Schriſtzüge zu erkennen geglaubt hatte. Diese Sammlung von Notizen(daher: Promus of Formularies d. h. Vorrat von Rede- wendungen oder Notizenbuch) nahm nun Frau Pott zum Ausgangspunkte ihrer Be- weisführung, die darin gipfelte, dass sich in diesemPromus so viele Anklänge an die Shakespeare'schen Dramen fänden, dass kein anderer als Bacon die letzteren verfasst haben könne. ³⁷

Es ist hier nicht der Ort, auf die Einzelheiten der von der Kritik fast ein- stimmig abgelehnten Ausführungen des über 600 Oktavseiten fassenden Pott'schen Buches einzugehen; es genügt, auf die bereits erwähnte völlig vernichtende Gegen- schrift Engels zu verweisen, die durch eine lobende Besprechung des Buches von deutscher Seites veranlasst worden war. In einer zwei Jahre darauf von demselben Kritiker an den Herausgeber des Shakespeare- Jahrbuchs gerichteten Briefe (S. Anm. 12) ergânzt er die obigen Ausführungen noch durch das Resultat seiner an Ort und Stelle angestellten Vergleichungen des Promus-Manuskripts mit anderen wohlbeglaubigten Manuskripten Bacons dahin:Das, was die kranke Mrs. Pott als Promus Bacons und als durchweg von seiner Hand her- rührend bezeichnet hat, ist nicht nur unter sich in der Handschrift stark abweichend und von mindestens drei Schreibern abgefasst, sondern es weicht auch völlig ab von einem absolut echten Manu- skript Bacon'scher Briefe, welche ich zum Vergleiche hin zugezogen. Damit war denn die Pott'sche Stütze der Bacon-Theorie ein- für allemal abgethan, und sie ist auch nicht zu neuem Leben erweckt worden. Es war auch nur des-

halb notwendig, den Standpunkt derselben hier zu skizzieren, weil sie merkwürdiger