— 5—
„Geist ersann und schrieb auch alles, was den Namen Francis Bacon trägt, müssen „wir lernen, in ihm einen Genius zu verehren, wie die Erde vor und nach ihm „keinen zweiten kennt“. Zu noch höherem Schwunge hatte schon früher den ersten deutschen Baconianer die Begeisterung hingerissen, der,s Bacon als geistigen Herakles preisend, seine Darstellung mit den poetischen Worten schliesst:„Der „Heros thront jetzt im Rathe der Götter, Pallas Athene, die ewige Weisheit, küsst „ihren Liebling auf die Stirne, und Phoebus Apollo, dessen Leier er zu spielen „Vverstand, wie Keiner, reicht ihm den Lorbeerkranz der Unsterblichkeit“. Gleich einer Parodie auf die Forschungen und Ergebnisse der Wissenschaft klingen solche Worte jedem, der die klaren und wohl begrúndeten Ausführungen eines K. Fischer und Gervinus über die zwischen den Anschauungen der beiden grossen Zeit- genossen bestehenden natürlichen UÜbereinstimmungené unbefangen auf sich wirken lässt. Denn dort ist die Quelle, an der sich jeder, der nicht voreingenommen ist, über das Verhältnis Bacons zu Shakespeare belehren kann. Sie bilden die wesent- lichen Grundlagen für die Betrachtung dieser Frage in den hervorragenden neueren Arbeiten über Shakespeare— um von den zahlreichen englischen Forschern abzu- sehen— von deutschen Gelehrten wie Karl Elze, in neuester Zeit Bernhard ten Brink, Alois Brandl und der z. Z. noch im Erscheinen begriffenen Shakespeare- Biographie von Georg Brandes. Ober Bacon selbst aber bietet ausser dem berühmten, aus Anlass der Montagu'schen Biographie i. I. 1837 erschienen Essay Macaulay'’s die neueste sorgfältige Ausgabe seines Lebens und seiner Schriften von Spedding' gründliche Belehrung.
Aber es genügt in unserem Falle nicht, nur auf das positiv Gute hinzuweisen, das für jeden Unbefangenen die in der Bacon-Theorie liegenden Missverständnisse und wissenschaftlichen Irrtümer klar stellt. Es soll auch nicht geleugnet werden, dass die dieser Theorie zu grunde liegenden Angriffe auf Shakespeares Autorschaft manches für den Laien Bestechende enthalten, dem gegenüber nicht jedermann in der Lage ist, sich von der Unhaltbarkeit des seitens der Angreifer Vorgebrachten durch die von der Forschung dargebotenen Mittel zu überzeugen.(Vergl. die mehrfach, besonders Anm. 14 angeführten Gegenschriften, sowie die Ausführungen im zweiten Teile dieser Schrift.) Da- durch hat es geschehen können, dass im Laufe der Zeit selbst mancher un- befangen Denkende zum mindesten schwankend geworden ist, geblendet von der immer grösser werdenden Sicherheit des Auftretens der Antishakespeareaner, zumal seitdem es den Verbreitern der neuen Lehre gelungen ist, sie auch bei uns in Deutschland heimisch zu machen. Lange haben die Vertreter der Wissenschaft sich gegen die Anerkennung dieser Thatsache und noch länger gegen die daraus folgende Notwendigkeit energischer Zurückweisung derselben gesträaubt. Daher hat man bei uns verhaàltnismässig spät dem Ubel zu steuern gesucht, dann aber aller- dings mit dem Aufgebot aller Hilfsmittel der wissenschaftlichen F orschung. Es lag dabei den Vertretern der Wissenschaſt, gewiss nicht ohne Berechtigung, der Gedanke nahe, dem ten Brink in seinem„Shakspere“ mit den Worten Ausdruck giebt:„Wer


