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Ein merkwürdiges Geschick hat beide als Zeitgenossen an derselben Stätte, der Hauptstadt der Welt in jener Epoche, leben und wirken lassen, ohne dass uns von einer persöônlichen Berührung zwischen ihnen die geringste Spur überliefert waäre. Diese unter den heutigen Verhaltnissen kaum denkbare Thatsache findet jedoch in Berücksichtigung der damaligen Zeitverhäaltnisse genügende Erklarung durch die Verschiedenheit ihrer Geburt und ihres Lebenslaufes. In einem zweiten, leichter zu erklärenden, aber schwerer zu beklagenden Punkte hat das Geschick den einen vor dem anderen begünstigt und dadurch bewirkt, dass mehr als 3 Jahrhunderte nach dem Tode beider sich Zweifel an der längst als feststehend geltenden Ueber- lieferung über sie vieler Geister bemächtigen konnte. Denn wahrend die Lebens- schicksale Bacons für uns klar zu Tage liegen, von der Wiege bis zum Grabe, sind— wie allbekannt— unsere Kenntnisse von dem Lebens- und Bildungsgange Shakespeares dusserst dürftig.“ Gewiss ist dieser Mangel in der Biographie des Altmeisters der dramatischen Kunst zu bedauern,s und sicherlich würde mancher unparteiische Freund von Kunst und Wissenschaft die genaue Kenntnis von dem Leben und Wirken des Begründers der naturwissenschaftlichen Weltanschauung für die des gewaltigsten Dichtergenius hingeben, da die Wissenschaft des Philo- sophen bei weitem nicht in so enger Beziehung zu seinem Leben steht, als die Kunst des Dichters. Aber erklärlich ist diese Thatsache aus der Stellung des einen im vollsten Tageslichte, im Vordergrunde der politischen Bühne, während der andere hinter den Kulissen jener Bretter sich bescheiden verbirgt, die zum grossen Teile seinem Wirken ihre heutige Bedeutung in der Welt und für die Welt verdanken. Wir haben sogar mehrfachen Grund, dies zu bedauern. Denn so völlig ist der Dichterheros infolge persönlicher Umstände wie ungünstiger Zeit- verhaltnisse hinter seinen Werken— so scheint es wenigstens— verschwunden, dass er manchem kurzsichtigen Auge aus der Entfernung dreier Jahrhunderte ganz unsichtbar geworden ist.
Unserem an Entdeckungen so reichen Jahrhunderte war in seiner zweiten Hälfte eine solche vorbehalten, die durch eine z. Z. bereits auf viele hundert Schriften angeschwollene Litteratur der Nachwelt überliefert werden, aber deren Achtung vor ihren erfinderischen Vorfahren wohl kaum besonders erhöhen wird. Bacontheorie wird diese Entdeckung in Kürze genannt, die den einen jener beiden Geisteshelden zu titanenhafter Grösse anschwellen lässt auf Kosten des anderen, der zum kaum mehr sichtbaren Zwerge zusammenschrumpft, die Shake- speares Dichterkrone auf Bacons Denkerstirne setzen möchte. Allerdings, wenn die phantasiebegabten Erfinder und Vertreter einer solchen Theorie Recht behalten könnten, dann müsste alle Welt entzückt dem herrlichen Bilde zujubeln, das der jüngste und energischste Wortführer derselben auf deutschem Boden“ am Schluss der von ihm versuchten Beweisführung zu Bacons Gunsten vor der staunenden Mitwelt entrollt:„Sonst, wenn wir den Namen Shakespeare hörten, dachten wir „dabei an ein Höchstes, wenigstens wagte keiner, einen anderen darüber zu stellen. „——— Nun aber, da wir wissen(?!), dieser von uns„Shakespeare“ genannte


