. Poggendorffs Annalen, Bd. CIX. p. 500— 523, ist von Zöllner auf eine höchst merk- würdige optische Täuschung aufmerksam gemacht worden, welche derselbe zufällig an einem für Zeugdruck bestimmten Muster entdeckte. Auf ihre einfachste Form zurückgeführt, ist diese Täuschung an Fig. 1(Taf. I) wahrzunehmen. Die beiden geraden Linien ab und cd sind, wie man sich durch Messung mit dem Zirkel(oder durch Hinaufsehen unter einem sehr spitzen Winkel nach der Richtung der Längsstreifen) leicht überzeugen kann, objektiv parallel, scheinen aber nach der rechten Seite hin zu konvergieren. Diese Täuschung tritt noch auffälliger bei Fig. 2 hervor, bei welcher die parallelen Linien schräg zur Verbindungslinie unserer beiden Augen liegen, vorausgesetzt, dass die ganze Figur gerade gehalten wird. Nimmt man mehrere Parallelen(wie in Fig. 3), so ist die Täuschung ebenfalls sehr deutlich bemerkbar, und zwar divergieren und konvergieren scheinbar die Längsstreifen abwechselnd nach einer Seite hin, wäh- rend die erste und dritte Linie, die zweite und vierte u. s. f. sowohl objektiv als auch subjektiv parallel sind.— Verschiedene Modifikationen dieser eigentümlichen Täuschung sind in den folgenden Figuren(4, 5, 6, 7, 8 u. 9) zur Anschauung gebracht. Man ersieht daraus, dass die Täuschung nicht nur für gerade Linien gilt, sondern überhaupt bei allen parallelen Linien statt- findet, sobald dieselben nur mit den kleinen Querlinien versehen sind, die auf ein und demselben Träger unter sich parallel sein dürfen, aber mit denjenigen des anderen Trägers konvergieren resp. divergieren müssen.
Zöllner hat für diese Täuschung eine sehr sinnreiche Erklärung gegeben, die mir nach meinen weiter unten angegebenen Versuchen auch unter den mannigfachen anderen Erklärungs- versuchen, z. B. von Kundt, Helmholtz, Scheffler u. A.*) noch die wahrscheinlichste zu sein scheint.
Die pseudoskopische Ablenkung der parallelen Längslinien ist nach Zöllner auf psychische Momente zurückzuführen. Auf der Netzhaut unseres Sehorgans sind jene Linien noch parallel, und erst durch psychischen Einfluss, indem das Urteil des Beobachters gefälscht wird, erscheint die Täuschung. Dieselbe gehört demnach in die Kategorie der sog. psychischen Täuschungen, zu denen z. B. die Vergrösserung der Mondscheibe in der Nähe des Horizonts, die Uberschät- zung der Grösse eines plötzlich nahe an unserem Auge vorbeifliegenden Insektes und viele andere, namentlich von Oppel in den Jahresberichten des physikalischen Vereins zu Frankfurt a. M. in Menge aufgezählte Täuschungen gehören.
Es würde mich zu weit führen, die Zöllnersche Erklärung ihrem ganzen Umfange nach hier zu wiederholen und muss ich in dieser Hinsicht auf die betreffende Abhandlung(Poggd. Ann. Bd. CIX. p. 500— 523) verweisen. Zöllner zeigte in der genannten Abhandlung, dass die Täuschung auf einer Verschiedenheit der Zeiten beruhe, welche die unbewussten Verstandesope- rationen bedürfen, um beziehungsweise zu dem Urteil des Parallelismus oder Nichtparallelismus der Längs- und Querlinien zu kommen. Auch später hielt Zöllner in seinem Buche„Über die Natur der Kometen“ diese Erklärung, welche sich im allgemeinen auf die Theorie der unbe- Wwussten Schlüsse stützt, anderen Erklärungsversuchen gegenüber(von Kundt, Hering, Scheffler, Helmholtz) aufrecht und teilte Versuche mit, welche jene Theorieen unwahrscheinlich gemacht haben.
*) Kundt, Poggend Ann. Bd. CXX, p. 118. Helmholtz, physiolog. Optik. p. 564- 571. Scheffler. Poggend. Ann. Bd. CXXVII, p. 105.


