Sieins Kücktritt aus dem preußiſchen Miniſterium und
das ſogenannte politiſche Teſtament.
I.
Wenn man über die Urſachen, die den Rücktritt des Freiherrn vom Stein aus dem preußiſchen Miniſterium am 24. November 1808 bedingten, bei den Zeitgenoſſen dieſes Ereigniſſes nachforſcht, ſo iſt es auffallend, allgemein auch unter eingeweihten Perſonen die Anſicht verbreitet zu finden, daß der Miniſter durch Ränke des Vertrauens ſeines Königs verluſtig gegangen ſei, und daß perſönliche Feinde den Sturz des verdienten Staatsbeamten herbeigeführt hätten.
So meint der Mitarbeiter Steins v. Schön ¹), Stein ſei durch elende Menſchen gefallen, weil er anfangs ſeine Macht nicht gebraucht habe, um ſie für immer unſchädlich zu machen, und weil es, als er ihre Gefährlichkeit erkannte, zu ſpät war, ihrem Treiben wirkſam entgegenzutreten; namentlich wirft er den Ariſtokraten vor, nach dem Abſchluß des Pariſer Vertrags mit aller Macht die Entfer⸗ nung Steins betrieben zu haben.
Der Kriegsrat Scheffner ſchreibt dem König am 4. Dezember 1808²): Nach der einmal vollzogenen Entlaſſung des Miniſters vom Stein iſt daran nichts mehr zu ändern, allein ſo feſt ich überzeugt bin, daß es den rechtlich denkenden Teil der Nation ſchmerzt, dieſen edlen, höchſt dienſtver⸗ ſtändigen Mann durch lügenhafte Geſchwätze elender, neidiſcher, nicht ausländiſcher Menſchen von Ew. Königl. Majeſtät entfernt zu ſehen, ꝛc.
Der Graf Reden ſchreibt an Stein):„Sie ſind das Opfer einer beſtimmten, weit angelegten trame— aber beſchloſſen und unvermeidlich in den Wirkungen“.
Der von Napoleon aufgefangene Brief Steins an den Fürſten von Sayn⸗Wittgenſtein und der dadurch erregte Zorn des franzöſiſchen Kaiſers iſt für ſie nicht der zwingende Grund, der den König zur Entlaſſung ſeines Miniſters beſtimmt, ſondern nur die geeignetſte Handhabe, vermittelſt welcher jene ihn von ſeinem Miniſterſitze verdrängen.
Dieſe Erſcheinung iſt um ſo auffallender, als weder der König noch der Miniſter ſelbſt An⸗ laß zu einer ſolchen Auffaſſung gegeben hat. Im Gegenteil, der erſtere hat ſich auf das ſoeben an⸗ geführte Geſuch des Kriegsrats Scheffner hin, worin er für Stein als Erſatz für das erlittene Unrecht die Verleihung des ſchwarzen Adlerordens vorſchlägt, in ſcharfen Worten gegen dieſe Anſicht verwahrt und geradezu erklärt*): daß nur„falſche Patrioten, übelgeſinnte und ganz unwiſſende Menſchen“ den Rücktritt des Miniſters aus dieſem Geſichtspunkte betrachten könnten. Stein aber hat unſeres Wiſſens niemals den Verdacht erhoben, als ob durch Hofkabalen ſeine Stellung unhaltbar geworden ſei. Er
¹) Vergl. Aus d. Papieren ꝛc. von Theodor v. Schön. B. II. S. 47.— ²) Vergl. Pertz. Das Leben des Freiherrn vom Stein. B. II. S. 307.— ³) Vergl. Pertz. B. II. S. 239.— ⁴) Vergl. Pertz. B. II. S. 308. 1“*


