in der Entwicklungs- und Erzichungsgeschichte der Menschheit neben dem Judenthum seine providentielle Bedeutung behaupte und unsrer Kenntniss um so weniger entrathen dürfe, als es durch die Entwicklung menschlichen Geistes, durch Xusbildung von Kunst und Wissenschaft zu so ausgezeichneter Höhe im Griechenthum, durch den Aufschwung des Römerthums aber zu einem weltbeherrschenden Rechtsstaat sowohl für die wissen- schaftliche Darlegung und Begründung der christlichen Lehre, als auch für die örtliche Verbreitung derselben über die— Erde zwei mächtige, ja unentbehrliche Hebel dar- geboten hat; dass endlich den eiden nicht alle Wahrheit verloren gieng, auch nicht die
jedem wichtigen Unternehmen veranstalteten, und deren Unterlassung sie als einen schweren Frevel gegen die Götter ansahen; ihre religiiisen Feste und Spiele, welche die einzelnen
Element ihres Lebens geblieben war. Trotz sittlicher Entartung, die bei dem Verlust der Mahrheit unvermeidlich war, blieb darum die Religion auch im Allgemeinen die Grundlage des sittlichen Lebens. ¹¹½) So lange daher die aus der Oftenbarung erwachsene, aber durch die manmigfaltigsten Einflüsse entstellte Volksreligion in Geltung und Achtung stand, so lange die Ehrfurcht vor den Göttern, die wirklich bei den Alten gross war, die Gemüther der Menschen durchdrang, war es auch um die Sittlichkeit, so Neit sie möglich war, und um die innere Kraft des Volkes nicht schlecht bestellt, und es bildeten sich auf so beschaffener Grundlage jene natürlichen Tugenden im Familien- und öflentlichen Leben aus, die wir oft bewundern. Sobald aber der Volksglaube missachtet, von den eignen Staatspriestern und Staatsmännern verlacht, von den Philosophen und Dichtern zersetzt wurde, war es mit der Tugend und Sittlichkeit zu Ende. Ein Heutliches Beispiel liefert uns das römische Volk, dessen Grössc und Macht auf Grund der Fröm- migkeit und Tugend, dessen Untergang in Folge der Nerachtung der Götter und der Un- sittlichkeit in so lebhaften Farben von den rämischen Geschichtschreibern geschildert wird. — Selbst die Kunst und Wissenschaft enthehrte, wenigstens in Griechenland, des religiösen Einflusses nicht, so dass grade die herrlichsten Erzcugnisse in der Philosophie und Poesie, in der Skulptur und Architektur der religiösen Idee ihren Ursprung verdanken und darum neben dem wissenschaftlichen und künstlerischen Interesse auch eine tief religiöse Seite haben, indem sie bei dem Mangel dogmatischer Ausbildung des religiösen Bewusstseins dessen beste Dollmetscher abgeben. Das geistige Verhältniss, in welchem eben darum unter den alten Völkern grade das Griechische am meisten zum Christenthum steht, leuchtet von selbst ein.
Ist aber im Allgemeinen der Einfluss der Religion auf das private und öffentliche Leben, auf Kunst 89 Wissenschaft und auf den sittlichen Zustand der Völker unbestreit- bar; so sind wiederum einzelne religiöse Wahrheiten so tief der menschlichen Brust ein- gegraben, dass sie am wenigsten bei so hochgebildeten Völkern, wie die Griechen und Römer- waren, verloren gehen konnten.
Fragen wir nach dem Begriff von dem Wesen der Götter, so erscheinen sie, mögen auch die kosmogenischen und theogenischen Systeme und Theorien der Philosophen und Dichter noch so wnnderlich sein, immerhin als die Herren und Regierer der Welt, nach deren Willen sich Alles erei et, von denen Alles, auch der Mensch, abhän ig ist. Denn auch den Alten konnte es nicht entgchen, dass bei der Betrachtung der Weihs der Natur der Zweifel an einen Schöpfer und Erhalter derselben Thorheit sei. 1¹²) Und
¹¹⁰) S. im Allgemeinen histor.-polit. Blätter Bd. 30. 4
¹¹¹) Wie bei den Griechen die Götter der Anfang und das Ende aller Handlungen waren, geht besonders aus den schönen Lehren hervor, welche Xenophon Cyrop. I., 6 den Cambyses an Cyrus seinen Sohn aus- sprechen lässt.
¹¹²) Cic Thuæe. 1, 28. De nat. Deor. 1, 27.


