Aufsatz 
Über die klassischen Studien auf Gymnasien vom christlichen Standpunkt
Entstehung
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Ueber die klassischen Studien auf Gymnasien vom christlichen Standpunkt. ¹)

Wie die Idee und der Zweck des Gymnasiums unzweifelhaft darin bestcht, einerseits das Erkenntnissvermäügen sowie die übrigen geistigen Kräfte der Zöglinge zu entwickeln, ihren Geist zum richtigen Denken und leieten assen anzuleiten und ihnen dadurch ceine allgemeine, sogenannte formale Geistesbildung zu gewühren; andererseits sie durch Ausstattung mit einem Reichthum gelehrter Kenntnisse für höheres Leben und wissenschaftlichen Beruf zu befühigen; endlich sie zur Erkenntniss der religiösen Wahrheit, die keine andere ist, als die geoffenbarte Wahrheit des Christenthums, zur christlichen Tugend und Heiligung zu führen: so ist es auch selbstverständlich, dass alle auf unsern Gymnasien zur Anmenduse kommenden sprachlichen und wissen- schaftlichen Unterrichtsmittel nicht bloss an und für sich, sondern auch hinsichtlich ihrer Auffassungs- und Behandlungsweise mit diesem dreifachen Zweck in völligem Einklang stehen müssen, damit die Idee des Gymnasiums in ihrer höchsten Bedeutung als christ- liche Unterrichts- und Erziehungsanstalt auf Grundlage der Wissenschaft vorwirklicht werde.*)

Unter den für Gymnasialbildung angewandten Lehrmitteln ist übrigens derjenige Gegenstand, welcher bisher stets und mit Nachdruck als die Grundlage der wissenschaft- lichen Ausbildung der Jugend betrachtet worden ist, nämlich der Untorricht in den klassischen Schriften der Griechen und Römer, vielfach das Ziel heftiger Angrifte geworden, und zwar nicht bloss von Seiten derer, welche dem sogenannten Realismus und einem gewissen Utilitätsprincip huldigen, und derer, welche durch Untergrabung aller höheren Heisdgen und sittlichen Bildung, durch Abbrechen jeder historischen Brücke, die uns mit der Vergangenheit verbindet, am besten ihre Umsturzpläne, ihre Ideen von allgemeiner Gleichheit und Freiheit verwirklichen zu können glauben; sondern selbst auch von Seiten eines Theils der Geistlichkeit beider Confessionen und christlich gebildeter Laien, weil sie in den Sprachen des heidnischen Alterthums die Quelle finden zu müssen glaubten der heutigen Verkommenheit in christlichem Wissen und christlichem Leben, kurz des ge-

¹) Aehnlichen, wenn auch allgemeineren Inhaltes sind folgende Programmabhandlungen, welche mir jedoch nur aus einer Anzeige in der Zcitschrift für Oesterreich. Gymnasialwesen bekannt geworden sind: 1.Ueber den Einfluss des altklassischen Studiums auf die sittlich-religiöse Bildung der studierenden Jugend. Von Professor Zbonek. Klattau 1853. 2.Die heidnischen Klassiker als Bildungsmittel des jetzigen Gymnasiums. Von Director Czajkowski. Bochnia 1853. 3.Gründe, welche für die Beibehaltung der altklassischen Studien an unsern Gymnasien sprechen. Vom Director Göbbel. Hermannstadt 1852. ²) Ausführlich ist diese Idee des Gymnasiums behandelt von Dr. Tophoff:Die Gymnasien und ihre Aufgabe. Programm. Paderborn 1848. Die erneuerte Schulordnung für die Chursächsischen Fürsten- und Landesschulen vom Jahr 1773, von J. H. Ernesti abgefasst, beginnt mit den Worten: Dieweil die Schulen in der Absicht gestiftet sind, damit die Jugend darinnen zum wahren Christenthum, zu gründlicher und nützlicher Gelehrsamkeit und zu guten Sitten angeführt und dadurch selbst wahrhaft glücklich, auch dem Vaterlande brauchbar werde, u. s. w. Vergl. Köchly, Vermischte Schriften zur Gymnasialreform. Dresden und Lcipzig 1847. In dieser Schrift pag. 235 des 2. und 3. Heftes definirt Dr. Herz den Begriff des Gymnasiums dahin, dass es den Zweck habe, einerseits allgemeine höhere Men- schenbildung, andererscits und durch sie eine gemeinsame Vorbildung für die einzelnen Fachstudien zu ge- wäühren. Pag. 239 wird dieser Begriff mit Rücksicht auf unsere besonderen Verhältnisse, um es zeitge- mäüss au machen, dahin erweitert, dass das Gymnasium 1) ein christliches, 2) ein nationales, ein deutsches sei. Der christliche Begriff scheint mir übrigens durch die beigefügte Beschränkung auf das Christenthum des neunzehnten Jahrhunderts wieder verwischt, wenigstens sehr zweideutig zu werden..

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