Band ſchlingt! Und dann wird ihr Traum Wirklichkit, ſie iſt wieder froh mit den ihrigen, freilich„nicht mehr im Kranze, nein, in der Haube“(224). Aber bald muß ſie wieder von dannen, und wenn die Jahre dahin gegangen ſein werden, ſo iſt ſie eine ebenſo böſe Schwieger⸗ mutter geworden, wie die, welche ſie jetzt quält— das iſt der Kreislauf des Lebens.
Wir ſind am Ende— des Raumes, nicht der Arbeit, die eigentlich erſt jetzt, wo der Stoff⸗ kreis der Dainos im großen und ganzen durchmeſſen iſt, ſo recht einſetzen müßte, wenn es ſich um eine Theorie des litauiſchen Volksliedes handelt. Zweierlei laſſen wir nur ungern unerörtert: 1) das Seelenleben des Litauers in ſeiner Poeſie; ſein tiefes, inniges Naturgefühl würde dabei eine eigene Unterſuchung verlangen, mit deren Reſultaten man ſogar das poeſie⸗ und gemütvolle Buch von Bratranek„Aſthetik der Pflanzenwelt“(Lpz. 1853) noch bereichern könnte. 2) den Stil der Dainos, oft ſo plaſtiſch und großartig einfach, daß man an Homer erinnert wird und das Wort des genialen Malers Anſelm Feuerbach begreift:„Stil iſt richtiges Weg⸗ laſſen des Unweſentlichen“(Vermächtnis von A. F., Wien 1883, S. 81). Doch wir glauben, daß für das ſyſtematiſch unerörtert Gebliebene doch manches im Verlaufe unſerer Darſtellung geſagt iſt, hoffen aber, daß bald ein erſchöpfendes Werk über die litauiſche Poeſie nach Form und In⸗ halt, wobei Sprichwort, Rätſel und Märchen natürlich auch berückſichtigt werden müßten, alſo eine vollſtändige Theorie der litauiſchen Dichtung, erſcheinen wird. Es würde ihrer Bedeutung nicht entſprechen, wollte man ſie ſo kurzweg mit einigen Aufſätzen abgefertigt ſein laſſen.
Schließlich ſprechen wir noch zwei Wünſche aus. Möge uns bald eine Auswahl der Dainos, Text und möglichſt vollkommene Ueberſetzung, mit Berückſichtigung der charakteriſtiſchen Reime, ge⸗ geben werden, welche das Schönſte und Eigenartigſte, mit feinſtem Verſtändnis geſichtet, als eiſernen Beſtand der Weltlitteratur brächte; auf ihrer Harfe iſt die litauiſche Poeſie ein herzinnig ſchöner Ton. Dann könnte ein jeder ſich leicht an ihr erfreuen. Man müßte die vorzügliche Neſſel⸗ mannſche Sammlung— gegen die kleine unter ſeinem Namen gehende Duodezausgabe ver⸗ wahrt ſich Neſſelmann ſelbſt(oſt⸗ und weſtpreuß. Muſ. Alm. 1861, S. 80)— die bei F. Dümmler in Berlin erſchienen iſt(1853), zu Grunde legen. Die beigegebene Ueberſetzung iſt in ihrer Schlichtheit poetiſch viel ſchöner, als der beſcheidene Verfaſſer in dem Vorwort(9) ſelbſt annimmt. Sie hat außerdem den Vorzug größter Treue und iſt einſtweilen allen zu em⸗ pfehlen, welche von der litauiſchen Poeſie mehr kennen möchten, als wenige Proben. Und dann: nach den Wichert'ſchen litauiſchen Geſchichten, deren Trefflichkeit wir freudig anerkennen, möchten, wir eine litauiſche Novelle oder einen litauiſchen Roman, welcher nicht die zufälligen, von den Litauern nur ſehr zum Teil verſchuldeten Kulturverhältniſſe, die pathologiſchen Erſcheinungen von heute, darſtellte, ſondern das wahre Weſen des Litauers mit aller ſeiner Poeſie, ſeinen Anſchauungen und ſeiner Sitte, losgelöſt von allen Zufälligkeiten, abſpiegelte. Das wäre ein echt ethnographiſcher Roman, und wie er angelegt ſein müßte, ſcheint uns ziemlich klar zu ſein. Daß ein Teil dieſer Hoffnungen und Wünſche in Erfüllung geht, dafür, glauben wir, bietet die Tilſiter litauiſche ueragih. Geſellſchaft, der wir vom Rhein her das ſchönſte Gedeihen wünſchen, die allerbeſte
ürgſchaft.
Dr. Richard Löbell.


