II.
Welchen Wert haben Schiller's Briefe über die äſthetiſche Erziehung des Menſchen für die Pädagogik?
Schiller's Briefe über die äſthetiſche Erziehung des Menſchen haben die Erklärer vielfach be— ſchäftigt; das Verhältniß ſeines ethiſchen Standpunktes zu dem Kantiſchen und ſeine Verdienſte um die Aeſthetik ſind mehr oder minder eingehend dargeſtellt worden. Ein Gleiches läßt ſich nicht von der Bedeutung dieſer Briefe für die Pädagogik ſagen. Und doch liegt es nahe, bei einer Schrift, die über die Erziehung des Menſchengeſchlechts handelt, die Frage aufzuwerfen, was denn dabei für die Erziehung des einzelnen Menſchen herauskomme. Die Behandlung dieſer Frage durch G. Bauri) in Schmid's Encyclopädie dürfte kaum als eine befriedigende Löſung anzuſehen ſein, da ſie wenig mehr als eine Inhaltsangabe der Briefe iſt. Der Verfaſſer billigt den Standpunkt Sch.s im großen und ganzen, indem er die Bemerkung hinzufügt,„daß Sch. unter dem Namen der äſthetiſchen Erziehung der Sache nach vielfältig die Aufgabe der religiöſen Erziehung im Sinne des Evangeliums dargeſtellt habe.“ Wie indes Sch. zu dieſer eigentümlichen Vertanſchung der Begriffe gekommen ſei, oder was uns be⸗ rechtige, dieſe Vertauſchung vorzunehmen, darüber läßt uns der Verfaſſer im Unklaren.
Wie die wiſſenſchaftliche Pädagogik auch immer den Endzweck aller Erziehung faſſen mag, darüber herrſcht wol keine Meinungsverſchiedenheit, daß die wichtigſte Aufgabe der wirklichen Erziehung die Bildung des Menſchen zur Sittlichkeit ſei. Wenn dies aber der Fall iſt, ſo haben wir die Ver⸗ pflichtung, auf's ſorgfältigſte zu prüfen, welche Mittel zu dieſem Ziele führen, ihren Wert gegen einander abzuwägen und jedes neu auftauchende Mittel auf ſeinen Anſpruch hin zu prüfen. Stellt ſich alſo heraus, daß das Schöne ein Mittel iſt, die Erziehung zur Sittlichkeit mehr zu fördern und ſicherer zu bewerkſtelligen als andere bisher gebräuchliche Mittel, ſo müſſen wir es auch in umfaſſenderer Weiſe als bisher in die Erziehung einführen. Wir ſind jedoch noch weit entfernt davon, ein ſicheres Urteil über den Wert der einzelnen Mittel zu haben, und auch die Frage über den Wert der äſthetiſchen Erziehung iſt einer gründlichen Prüfung noch ebenſo ſehr bedürftig als würdig. Schrader) z. B. meint, daß man in der Annahme einer Veredlung der Sitte durch die Kunſt oft zu weit gehe. Deinhardt') dagegen, obwol er den Wert der äſthetiſchen Bildung weſentlich auf ihre Beihülfe bei der Darſtellung des Sittlichen einſchränkt, geht jedenfalls noch zu weit, wenn er der äſthetiſchen Bildung
¹) Schmid's Encyclopädie unter„Schiller“. ²) Verfaſſung der höhern Schulen. S. 98.*) Schmid's Encyclop. „Aeſthetiſche Erziehung“.


