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V. Wurde zur Linderung des Leidens ätztliche Hilfe angewendet? Mit welchem Erfolge?
Zur Linderung des Leidens wurde in 214 Fällen ärztliche Hilfe angewendet, jedoch bis auf einen einzigen Fall, in welchem etwas Beſſerung des Gehörs eingetreten ſein ſoll, alle an⸗ dern ohne Erfolg. Bei 167 Kindern wurde keine ärztliche Hilfe gebraucht.
Es kann meine Aufgabe nicht ſein, hier das Unterſuchungsverfahren bei Ohrenkranken, welches in den Werken von Dr. F. L. Meißner, Dr. Schmalz, Dr. Lincke, Dr. W. Kramer, Dr. von Troeltſch ac. geſchildert iſt, anzuführen. Nicht allein darf die ſorgfältige Unterſuchung des äußeren und möglichſt des inneren Ohres mittelſt Ohrenſpiegels und Ohren⸗ katheters nicht fehlen, ſondern es müſſen auch die verwandtſchaftlichen Verhältniſſe, namentlich die der Blutsverwandtſchaft, die erbliche Dispoſition zu gewiſſen Krankheiten, die Wohnungen und Lebensweiſe der Eltern nicht unberückſichtigt bleiben.
Die Heilung Taubſtummer iſt der Wiſſenſchaft bis jetzt noch wenig gelungen, es iſt viel⸗ mehr die ausgebildete, länger beſtehende Taubſtummheit von allen wirklich urtheilsfähigen Männeru für unheilbar angeſehen. Die Eltern ſollen deßhalb nicht beim Suchen nach ärzlicher Hilfe die Erziehung und den Unterricht für ihre taubſtummen Kinder in einer Taubſtummen⸗Anſtalt ver⸗ ſäumen, oder zu lange hinausſchieben, damit der Taubſtumme wenigſtens auf letzterem Wege Linderung ſeines Leidens erhalte und der menſchlichen Geſellſchaft namentlich durch Entwickelung und Erlernung der Lautſprache möglichſt wiedergegeben werde. Denn das iſt ja der Triumph des heutigen Taubſtummen⸗Unterrichts in der deutſchen Schule, dem Taubſtummen gleichſam ein in ſeinem Innern tönendes Ohr zu erzeugen, ſo daß er in eine der unſrigen ganz normale Denkform verſetzt wird und in derſelben Redeweiſe ſich Andern mündlich mitzutheilen vermag, wie der Hörende.
VI.
Haben die Taubſtummen außer der Tanbheit noch andere körperliche Gebrechen? welche? Sind ſie körperlich geſund und kräſtig oder kränklich und ſchwächlich?
Was den körperlichen Zuſtand der Taubſtummen im Allgemeinen betrifft, ſo iſt zu bemerken, daß in Ermangelung des Gehörs ihr Gefühl mehr geübt und geſchärft wird, und darum weit feiner iſt, als bei Hörenden. Jedoch findet man bei Taubſtummen weniger Empfindlichkeit gegen Schmerz und ungleich geringere Empfänglichkeit für viele Krankheiten, da ihr Nervenſyſtem, na⸗ mentlich in den Fällen, wo die Taubheit durch eine Lähmung oder Zerſtörung der Gehörnerven angenommen werden muß, viel weniger reizbar iſt, wie bei Hörenden. Dr. Mansfeld, Arzt der Taubſtummen⸗Anſtalt zu Braunſchweig, ſagt daher:„Die niedrige Stufe der Nervenempfind⸗ lichkeit beweiſe ſich recht augenſcheinlich bei an Taubſtummen vorzunehmenden, ſelbſt ſchmerzhaften


