Aufsatz 
Statistik der Taubstummen im Herzogthum Nassau
Entstehung
Einzelbild herunterladen

9

Dieſer Verein will in allen Fällen zum Wohle dieſer Unglücklichen fürſorglich eintreten, und beabſichtigt in ſeinem letzten Zwecke, wenn er durch die Mildthätigkeit edler Herzen ſoweit geſegnet wird, Freiſtellen für arme Taubſtumme an der Taubſtummen⸗Anſtalt zu errichten, um ſo die Laſt dem Staate, den Gemeinden und Eltern zu erleichtern.

Meine Hauptaufgabe bei dieſer ganzen Auseinanderſetzung war, zuerſt denjenigen Gemeinden, welche mehrere Taubſtummen haben, zu zeigen, wie ſehr es in ihrem eigenen Intereſſe liegt, durch milde Gaben ihrer einzelnen Ortsangehörigen, ſowie durch irgend welchen Beitrag aus ihrer Gemeindekaſſe dieſem Vereine beizutreten. Ganz beſonders wollte ich jedoch diejenigen Ge⸗ meinden hierzu dringendſt auffordern, welche bis jetzt das Glück hatten, keine Taubſtummen in ihrer Mitte zu haben, um dadurch die oft drückende Laſt anderer Gemeinden erleichtern zu helfen und ſich zugleich einen Fonds für ungünſtige Zeiten zu hinterlegen. Ich will es unterlaſſen, hier Beiſpiele von Mildthätigkeit der hochherzigſten Art in dieſer Beziehung aus andern Staaten anzuführen. Möge nur ein Jeder in unſerm Lande, ſo weit er es vermag, ſein Scherflein zum Wohle dieſer armen unglücklichen Menſchenklaſſe gerne beitragen, wodurch er nicht allein einen Fonds begründen hilft, aus dem die Noth ſo vieler Unglücklichen für ewige Zeiten, für Kindes Kinder, möglichſt beſeitigt werden kann, ſondern ſich auch zugleich einen Schatz für Jenſeits erwirbt, da der Herr geſagt hat:Was ihr den Armen gethan, das habt ihr mir gethan. Matth. 25, 40.

III.

Sind die Taubſtummen taubſtumm von Geburt, oder in welchem Alter haben ſie das Gehör verloren? wodurch?

Ueber die Urſachen der Taubſtummheit ſind die Beobachtungen ſehr erſchwert, da in den erſten Lebensjahren der Kinder, in welchen ſie von Krankheiten befallen und danach als taubſtumm befunden werden, nicht beſtimmt werden kann, ob nicht ſchon vor der eingetretenen Krankheit ein urſprünglicher Entwickelungsfehler, oder die angeborene Taubheit vorgelegen, und zudem die Täuſchungen der betreffenden Eltern in vielen Fällen kein ſicheres Urtheil hierüber zulaſſen. Denn jede Erſchütterung, welche der ganze Körper empfindet, z. B. das Zuſchlagen einer Thüre, das Klopfen oder Schlagen auf einen Gegenſtand in der Nähe des Kindes, wodurch dasſelbe veranlaßt wird, umzuſehen, gibt den Eltern dieſer Unglücklichen, die ſich dem ſchmerzlichen Ge⸗ danken, ihr Kind ſei taubſtumm, nicht leicht hinzugeben vermögen, ſchon häufig den Beweis, ihr Kind habe Gehör. Wir haben in unſerm Herzogthum einen Fall, in welchem ein Kind ſchon 4 Jahre alt, körperlich geſund und kräftig, noch nie krank geweſen, nicht hört und nicht ſpricht, und die Eltern dennoch behaupten, das Kind ſei nicht taubſtumm. Es verhindert ſie ein ge⸗ wiſſes Schamgefühl, einzugeſtehen, daß den Kindern eine Unvollkommenheit angeboren ſei. Dazu kommt die große Liebe und Zärtlichkeit der meiſten Eltern gegen ihre Kinder, in welcher ſie glauben, ſchon mit einigen Lippenbewegungen, um ſo mehr noch mit einem unvollkommenen Nachſtammeln von Papa oder Mama, hätten ihre Kinder den richtigen Anfang im Sprechen

gemacht.

2