Aufsatz 
Cruces Philologicae. Beiträge zur Erläuterung der Schulautoren / von Theodor Maurer
Entstehung
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ständigsten, ohne es zu wissen, von der Einfalt des kindlichen Gemüthes können im Irrthum fest- gehalten werden.

Es gibt Gedichte, die von Haus sich an die Erwachsenen wendend, doch ein nothwendiges Stück im Inventar des Jugendunterrichtes geworden sind, und bezüglich ihrer könnte es geschehen sein, dass etwa die erste erwachsene Generation, die davon Kenntniss nahm, eine Stelle bei der eigenen Reife des Geistes selbstverständlich fand und ohne Erläuterung der Jugend übermittelte, während der Kindesgeist mit Nothwendigkeit einem Missverständniss anheimfiel. Gibt die miss- verstandene Stelle überhaupt dann nur einen zulässigen Sinn, so wird die Aussicht, dass das rich- tige Verständniss wieder aufgehe, um so geringer, je mehr ein solches Gedicht Gemeingut der Schule ist. Dann ist es der blosse Zufall, der einem einmal in glücklicher Stunde die Schuppen von den Augen fallen lässt.

Dies gilt so sehr bezüglich der Stelle, die wir im Auge haben, dass es für uns nicht des Eingeständnisses der Vielen, darunter Kenner, denen wir von unserer Deutung derselben Mittheilung machten, bedurft hätte, die Sache sei ihnen neu, um denjenigen in Verdacht der Unwahrhaftigkeit zu nehmen, der behaupten wollte, jene Stelle von jeher in unserem Sinne verstanden zu haben: hier geht der Weg zur Wahrheit nur durch den Irrthum.

Betrachten wir die Eingangsverse des Schiller'schen Grafen von Habsburg:

Zu Aachen in seiner Kaiserpracht, Im alterthümlichen Saale,

Sass König Rudolfs heilige Macht Beim festlichen Krönungsmahle.

Wir fragen: worauf bezieht sich das Possessivumseiner in der ersten Zeile? von wessen Kaiser- pracht ist die Rede? Wir bezogen früher, wie Jeder, den wir fragten, proleptischseiner auf Rudolfs in der dritten Zeile. Dass diese Beziehung an sich zulässig sei, weil einen vernünftigen Sinn gebend, ist klar, so störend uns 1) die Verbindung derKaiserpracht mitKönig Rudolf erscheinen mag, so störend 2) das Zerreissen der Ortsbestimmung, der allgemeinenzu Aachen und der besonderenim alterthümlichen Saale. Wir dürfen aber doch fragen, ob denn keine anderweitige Beziehung möglich ist, bei der etwa gar die erhobenen Bedenken wegfallen? Warum wollen wir nicht bei dem bereits gegebenen BegriffAachen stehen bleiben und dasseiner darauf beziehen, also dasszu Aachen in seiner Kaiserpracht so viel ist alsim kaiserprächtigen Aachen? Von den erhobenen Bedenken fällt das zweite dann ganz weg; das erste erscheint wesentlich gemindert. Gewonnen ist, dass, entsprechend der reichen Diction des Gedichtes, nun auchAachen sein schmückendes Beiwort hat, gleich der Weise der drei folgenden Verse:im alterthümlichen Saale,König Rudolfs heilige Macht,beim festlichen Krönungsmahle. Ein Einwand, der uns einmal gemacht wurde, die Wirklichkeit streite mit diesem Epitheton Aachens, würde umgekehrt nach der Intention des Gedichtes eher ein Beweis mehr für unsere Deutung sein, lässt doch der Dichter offenkundig in gleicher Intention sogar wider die thatsächliche Geschichte denBöhmendes perlenden Weines schenken. Nein, zulässig ist unsere Beziehung; mehr, sie bietet Vorzüge ohne Nachtheile; sie ist vor allem die nächste, und darum steht die Sache nun so: entweder man muss den Dichter eines Fehlers zeihen, oder man lässt zugleich mit einem Miss- verständniss aus der Knabenzeit die Beziehung aufRudolf fallen. Glaubt man nämlich, der Dichter habe die letztere beabsichtigt, so waren wir berechtigt zu fordern, uns vor dem Missver- ständniss geschützt zu sehen, das wir dann begehen, indem wir bei der nächsten Beziehung pleiben,