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treppe erhöht durch ihren Anschluss an den Rundbau den auf dem Gegensatz beruhenden Effekt.
Den Säulen entsprechend gliedert sich die Tempelwand durch sechs Pilaster, deren Zwischenräume die reichumrahmte Türe und rundbogig schliessende Konchen einnehmen. Darüber zieht sich unter dem korinthischen Gebälk noch ein von Ranken und Rosetten gezierter Fries hin. Die Decke wurde durch eine Steinwölbung gebildet. Im Innern wiederholt sich der uns überall in Baalbek begegnende Stil mit der Teilung der Wandflächen durch detachierte Säulen und der Anordnung von rundbogigen Konchen im unteren und von spitzgiebelig bekrönten Tabernakeln im oberen Geschoss. Der Tempel gehört also nach seinen Formen aufs engste zu den jüngeren Bauten der Akropolis.
Die Tage meines Aufenthalts im alten Baalbek haben die Zeit des ausgehenden Römertums eindrucksvoll vor mir lebendig werden lassen. Und wo wir auch immer den Schöpfungen der römischen Kaiserzeit gegenüberstehen, ob in Rom, ob in den Provinzen des weiten Reiches, vor dem Pont du Gard im südlichen Frankreich, vor dem Theater in Milet oder vor den Riesenbauten Syriens, sie erzwingen unsere Bewunderung vor der kraftvollen Energie dieses weltbeherrschenden Volkes. Sie zeugen aber auch von der verhältnismässigen Ruhe und Wohlfahrt, deren sich das Weltreich unter dem Schutze des Kaiserszepters erfreute. Mit dem Aufwand grosser Mittel und in dem Besitz einer vollendeten Technik vermochten staunenswerte Aufgaben gelöst zu werden. Mochte auch der Adel, der aus den Werken hellenischen Geistes zu uns redet, dahin, und mochte bei den ausgedehnten Aufträgen das persönliche künstlerische Wirken geringer geworden sein, die Fähigkeit der Raumgestaltung, die Kühnheit der Konstruktion, die Berechnung des Effekts und die technische Ausführung des Entwurfs verdienen höchstes Lob.
Bedeutsame wissenschaftliche Fragen verschiedenster Art sind uns auf unserem Wege begegnet, und viel darf von Puchsteins Werk über Baalbek erwartet werden. Diesen Aufgaben der Fachwissenschaft gegenüber ist die vorliegende Arbeit dem Ge- danken entsprungen, mehr in der Form der Reiseerinnerung mit dem Einschlag persönlichen Empfindens auch im Kreise der Schule die Aufmerksamkeit auf eine Stätte zu lenken, wo so zahlreiche Kulturfäden zusammenlaufen, zumal im Orient, in dessen wirtschaft- licher und wissenschaftlicher Erschliessung deutscher Arbeit noch viele Ziele gesteckt sind.


