4 ein analytisches Verfahren bey Ausmittelung eines in der Folge synthetisch zu ordnenden geschichtlichen Stoffs. Bey jeder tüchti- gen historischen Composition scheint nemlich das darzustellende Ganze zuvörderst nach seiner Beschaffenheit zu einer gegebenen Zeit seines Daseyns in allen Beziehungen vollständig und rein aufgefalst werden zu müssen:; das Wie und Warum dieser Beschaffenheit hätte sodann der Darsteller aus den Gründen analytisch, also freylich rück- wärts, zu verfolgen, um sich vermittelst dieser Vorarbeit in den Stand zu seizen, zur synthetischen Erzählung des solchergestalt be- gründeten Einzelnen mit Erfolge zu schreiten. Ist eine solche Metho- de, wie nicht geleugnet werden mag, mühseelig, und nicht immer gebührend durchzuführen, S0 kam dieses blos die Unzulänglichkeit mancher historischen Versuche, keineswegs aber die Ungereimtheit des Verfahrens an sich selbst beweisen. Am schwersten mögte sie bey der Biographie, d. i. der gründlichen Entwickelung und Darstellung, nicht der äuſseren, zufälligen Lagen und Verhältnisse irgend einer Person, sondern ihres inneren Lebens und ihrer allmähligen Ausbildung oder Verbildung bis zu einem bestimmten Zeitpunkte, anzuwenden und folgerecht zu behaupten seyn. Welcher Mensch wäre im Stande, auf diese Weise, auch die gröſste Unpartheylichkeit vorausgesetzt, seine eigne Geschichte zu entwerfen, und den so mannigfaltig verschlunge- nen Irrgängen nachzugehen, durch die sein wahres Ich bis zu einem bestimmten Zustande sich, ihm selbst groſsentheils unbewuſst, hindurch-
gewunden hat? Wer wollte sich anmaſsen, in Ansehung eines Anderen,
humes de Preédéric II. Roi de Prusse, T. XI. p 68. der Baseler Ausg., wo der Prinz Wenzel v. Lichtenstein also spottet:„Pour l'histoire, ils(les En-
cyclopédistes) veulent qu'on Pétudie ³ rebours, a commencer de nos tems pour remonter avant le déluge.“


