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Die Philologie rein als Wiſſenſchaft zu pflegen, iſt nur demjenigen geſtattet, der als Akademiker, als rein Ge⸗ lehrter und Mann der Wiſſeenſchaft vorzugsweiſe durch ſeine Schriften, durch ſein gedrucktes Wort lehrt. Wir Lehrer, Univerſitäts⸗Profeſſoren wie Schulmeiſter,— ich brauche das alte leider in Ver⸗ ruf gekommene Wort mit vollem Bewußtſein und mit Stolz— wir Lehrer haben nicht zu ver⸗ geſſen, daß wir das Recht und die Pflicht haben, lebendige Individuen, die lernende Jugend, als das erſte und wichtige Object, unſerer Thätigkeit zu betrachten. Ich will wahrlich wiſſenſchaftliche Grund⸗ lage nicht hinweg haben, ſie läßt ſich abſolut weder durch, redneriſche Phraſen, noch durch ſ. g. pädagogiſche Praris erſetzen, aber auf dieſer Grundlage muß die eigentliche, klaſſiſche Erziehung gebaut werden, welche im guten Sinne dem Lehrer und dem Schüler und ganz beſonders in der leben⸗ digen gegenſeitigen Wechſelwirkung beider Theile jenen animus antiquus des Livius erzeugt ,aber ſtets mit maßvoller Nuhe und Feſtigkeit, mit der Klarheit des Bewußtſeins, daß doch eigentlich in dieſem ewigen Kreislauf, in dieſem ewigen Drängen und Treiben ein jeder auf ſich ſelbſt ſtehen muß, daß er ſich ſelbſt die Grundlage ſeines Glückes und ſeiner Stellung erwerben muß. Wir müſſen daher nicht blos dem Vorſtande, wir müſſen dem Herzen und Gemüth, wir müſſen ſelbſt der Phantaſie unſerer Jugend das Vertrauen und zwar vorzugsweiſe in ſeinen ethiſch bildenden, dem jugendlichen Gemüth gerade angemeſſenen Richtungen nahe bringen. Es muß das in ihnen aufgehen, in Fleiſch und Blut aufgenommen werden. Gelingt es uns nicht, daß dieſe Knaben und Jünglinge ſchwärmen für die Götter⸗ und Heidenwelt Homer's, daß ſie ſich verſenken mit Rührung in den engen Patriotismus des frommen Herodot, dann wird es uns trotz aller beſtehenden Geſetze und Verordnungen nicht gelingen, auf die Dauer die philologiſch⸗klaſſtſche Bildung als die Grundlage der höheren Menſchenbildung feſt⸗ zuhalten. Aber, hochverehrte Verſammlung, es iſt das nicht zu befürchten, überblicken wir gerade die Geſchichte der Philologenverſammlung ſeit nunmehr einem Vierteljahrhundert, ſo werden wir ſagen müſſen: hier iſt angebahnt jener Uebergang der wiſſenſchaftlichen Philologie in den ethiſch⸗pädagogiſchen Humanismus, womit man eben unſere Aufgabe am kürzeſten und einfachſten bezeichnen dürfte, ja es wird dieſe Welt des Alterthums ein ewiger Jungbrunnen bleiben für uns und in alle Zukunft, ein Jungbrunnen, in welchem blaſierte Zeiten erfriſcht, romantiſch zerfallene gekräftigt, materiell genußſüchtige gereinigt werden, und es gilt nur Entſchluß und Kraft, in dieſen Jungbrunnen unter⸗ zutauchen. Freilich gehört Kraft und Luſt, es gehört, um es kurz zu ſagen, das ganze Leben dazu; auch für uns hat in dieſer Beziehung der deutſche Dichter geſungen:„Und ſetzet ihr nicht das Leben ein, nicht wird euch das Leben gewonnen ſein.“ Und dies Leben, hochverehrte Verſammlung, dies Leben der wiſſenſchaftlichen Philologie und. des pädagogiſchen Humanismus iſt ganz beſonders in unſeren Verſammlungen gepflegt worden, es weht dies Leben noch durch die dürren Blätter der gedruckten Verhandlungen, wie man ſie nach Jahren flüchtig durchſchaut; wer aber an einer oder an mehreren dieſer Verſammlungen theilgenommen, wird, was er mitgebracht, nicht entfernt vergleichen wollen mit jenem unbedeutenden Wiederhall, den er davon in den Verhandlungen lieſt. In 23 Verſammlungen hat das Leben der Philologie und des Humanismus immer weiter ſich entfaltet. Möge mit Gottes Hülfe 99 unſere XXIV. Verſammlung einen Hauch dieſes Lebens in ren. Mite eniehen Uaſſe.⸗ 1 l


