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anficht der Zeit ift troßdem: Das Dichten befteht in einem Verftandes- jpiel. Man fucht fi das, was man gerade braucht, Heraus und verfertigt danach, indem man fich ohne eigenes ftarfes Fühlen in die Denfart der Perjonen Hineinfünftelt, fein„Boem“. Diejes Verfahren ift aller- dings nicht naturaliftiich, nicht einmal natürlich. Klopitod umd Leffing verlangen noch eine furze Beiprechung. Auch eriterer entfernt fich vielfach von der Natur, nicht von feiner Individualität; denn diefe ift in der Hauptfache nach dem„Sdealifchen“, richtiger nach dem Pietiftiichen und Sentimentalifchen gerichtet. Er erhebt fich in jeinem phantaftifchen Überfchwwange über den Kreis der Wirklichkeit, jo Yehr und einige Oden al3 vielverfprechende Äußerungen vaterländijcher und edel menschlicher Gefinmumg anfprechen. Seine Berfonen im Meilias find geftaltlos, er verliert fich in überweltliche Bezirke.„Der himm- Yiiche Friede, welchen Slopftod bei Konzeption und Ausführung diejes Gedichte empfunden, teilt fich noch jet einem jeden mit, der die erjten zehn Gefänge Lieft, ohne die Forderungen bei fich laut werden zu Lafjen, auf die eine fortrüdende Bildung nicht gerne Verzicht tut.“ (Goethe.)!) Das, was er vermißt, ift gerade der Mangel an Natur. Anders verhält fih die Sache bei Leffing. Auch diefer„tändelt“ in feinen Jugendgedichten; aber feine mehr nüchterne Art bewahrt ihn por Ausflügen ins ätheriiche Neich. Al er ein wirkliches Stüd friegerifchen Lebens in Breslau durchlebt hat, jchreibt er fein viel- bemwundertes Luftipiel Minna von Barnhelm. Ein genaueres Ein- gehen gerade auf diefes Zeitdrama ift nicht überflüffig. Gloeffer?) erflärt zwar ausdrücdlich:„Das Jdeal diejes Offizierd(Tellheim) ift nicht der Krieg, jondern der Friede. Sein Lebenzfreis ift nicht der Dienft in einem großen Ganzen, jondern ein idylliiches Dajein..., er jchwärmt für das„Lebensideal des 18. Jahrhunderts“, das ich mr nach der geiftigen(wiffenschaftlichen und fünftleriichen) Seite entfalten fonnte.“ Übrigens ift damit angedeutet, daß die Sehnfucht nach einer behaglichen, unfriegerifchen Lebensweije jhon alt ift, jo alt fait, fann man behaupten, twie die Menfchheit. Immer wird e3 DMeenfchen geben, die fich der Notivendigfeit der Auseinanderjegung mit„böjen Nachbarn“ verjchließen, den natürlichen Kampf ums Dafein gerne beendigt fähen. Leider wird auch Kants dee de3 ewigen Friedens, jo jehr fie der
Würzburg 1892; M. Defjoir, Gejchichte der neueren deutjchen PBiychologie, Berlin 1892.
») Schillers Urteil in dem Aufjage:„Über naive und jentimentaliiche Dich- tung“ und Goethes Dichtung und Wahrheit(10. Buch) bilden die Grundlage.
2) Da3 bürgerliche Drama. Seine Gejhichte im 18. und 19. Jahrhundert, Berlin 1898.


