Aufsatz 
Carl Curtze : ein Lebensbild / von Carl Beck
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Carl Wilhelm Heinrich Curtze iſt am 14. Januar 1807 zu Corbach geboren, wo ſein Vater, Chriſtian Ludwig Curtze, als Conrector am Gymnaſium ſtand. Seine Mutter, Caroline Salome, war eine geborne Winterberg. Nur etwas über 2 Jahre, von Oſtern 1813 an, beſuchte er die fünfte Claſſe des Gymnaſiums, deren Lehrer damals Collaborator Waldeck war und genoß dann mehre Jahre lang den Privatunterricht ſeines Vaters, der Pfingſten 1815 die Verwaltung des Pfarramts zu Berndorf, einem Dorfe in der Nähe von Corbach, angetreten hatte. Der Vater war 15 Jahr lang Lehrer am Gymnaſium zu Corbach geweſen, hatte als guter Lehrer gegolten und die Liebe ſeiner Schüler in hohem Grade beſeſſen. Dieſe Anhänglichkeit an ſeinen frühern Beruf mag die Thatſache zeugen, daß er in der erſten Zeit nach ſeinem Um⸗ zuge an ſchönen Morgen ſeine Spaziergänge auf die Chauſſee nach der Stadt Corbach hin nahm, um nur das Kloſterglöckchen, das ihn nicht mehr zur Schule rief, von Ferne zu vernehmen.

Die Erziehung im Elternhauſe war in jeder Beziehung einfach. Der Vater, von weicher, in einzelnen Fällen ſehr erregbarer Gemüthsart, war ein Mann von tiefem Gefühle für Recht und Gerechtigkeit, dabei geraden, aufrichtigen Weſens, aber im gewöhnlichen Leben mehr beſchau⸗ licher Art und wortkarg, von denen, die ihn kannten, geachtet und geliebt. Dem Aeußern nach bot er mit dem langgeſcheitelten Haar und dem ſchwarzen Käppchen das Bild eines würdigen Geiſtlichen. Die Mutter, von tiefem, aber nicht ſo erregbarem Gemüthe als der Vater, zeichnete ſich durch eine gewiſſe Charakterſtärke aus, die ſich namentlich in geduldiger Ertragung einer 15jährigen ſchmerzlichen Knochengeſchwulſt kund that. Dabei war ſie ſtets freundlich und gütig, die innerlich befriedigte Seelenſtimmung in ihrem ganzen Weſen ſpiegelnd.

Beide Eltern lebten in Berndorf ein anſpruchsloſes, friedliches Predigerleben, das nur durch willkommenen Beſuch von Freunden aus der 1 Stunde entfernten Stadt Corbach und einigen benachbarten Predigerfamilien, namentlich dem trefflichen Oheim des Dichters Hoffmann von Fallersleben, einigen Wechſel erhielt. Um die Einförmigkeit im Winter zu verſcheuchen, dienten Leſeabende. An ihnen traf der Schullehrer mit Frau in der Pfarre ein und las aus Büchern, welche der Bibliothek zu Arolſen entliehen waren, vor. Eine eifrige Theilnehmerin an ſolcher Lectüre war beſonders die Großmutter mütterlicher Seits, die tief in den ſiebziger Jahren ſtehende Kirchenräthin Winterberg, die bei der Tochter zu Berndorf ihre alten Tage verlebte. Der Vater, ſtill ſein Pfeiſchen rauchend, hat den Faden wol kaum aufmerkſam verfolgt, zumal die Lectüre des gleichfalls rauchenden Lehrers, der die Stimme am Tage ſchon bei der Dorfjugend laut und lange hatte erſchallen laſſen, nicht leicht verſtändlich war. Einen Roman hat der Vater nie in ſeine Hand genommen. Die Kinder laſen ſich in einer andern Stube aus demKinderfreund,

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