Zur Geſchichte der Uegation in der franzöſiſchen Sprache.
Unter obigem Titel, durch welchen ausgeſprochen wird, daß ich auf dem mir zugemeßenen Raume nichts Erſchöpfendes, am wenigſten aber eine vollſtändige Darſtellung des heutigen Sprach⸗ gebrauchs geben will, habe ich verſucht, die Entſtehung und Entwickelung des durch ſeine Eigenthüm⸗ lichkeit intereſſanten Negationsverfahrens der franzöſiſchen Sprache in einer Form darzuſtellen, welche auch„gebildete Leſer“ veranlaßen könnte, über den Titel der Abhandlung hinaus zu leſen. Ich habe deshalb die kurze, knappe Darſtellung gemieden, welche für Gegenſtände dieſer Art gewählt zu werden pflegt. Die der altfranzöſiſchen Sprache entnommenen Beiſpiele, ſo wie die Beiſpiele aus dem Italieniſchen, welches auch über dieſen Theil der franzöſiſchen Grammatik Licht verbreitet, ſind von einer Ueberſetzung begleitet; die erſteren habe ich wenigſtens an ſchwierigeren Stellen durch den dabei geſetzten neufranzöſiſchen Ausdruck erläutert.
Die altfranzöſiſchen Beiſpiele ſind großentheils den anziehenden Memoiren Joinville's, ¹) welcher um das Jahr 1260 ſchrieb, entnommen; älteren Schriftwerken verhältnismäßig wenige: weil ihre Sprache weit unverſtändlicher iſt. Wenn ich ſelten Beiſpiele aus den altfranzöſiſchen Dichtern bringe, ſo hat mich derſelbe Grund bewogen, nicht minder freilich der Wunſch, dem Einwande vorzubeugen, dergleichen ſeltſame Spracherſcheinungen könnten wohl bei Dichtern vorkommen, ohne daß dadurch der allgemeine Sprachgebrauch nachgewieſen werde. Sämmtliche Beiſpiele ſind in der ſchwankenden Orthographie ihrer Zeit abgedruckt; es wird daher Niemand in einer getreuen Abſchrift Druckfehler, oder gar ſchlimmere Fehler ſehen wollen. Die Beiſpiele, zumal die altfranzöſiſchen, mußten zahlreich ſein, weil ich das Vorgetragene gern überzeugend begründen wollte.
I. Die Negation ne und ihre Füllwörter.
In der älteſten franzöſiſchen Sprache wird das deutſche: nicht durch non ausgedrückt. Dieſes non(lateiniſch non) welches ſich im Italieniſchen erhalten und im Spaniſchen und Pro⸗ venzaliſchen die Form no bekommen hat, wurde ſchon früh in ne verkürzt, erhielt ſich jedoch auch in vollſtändigen Sätzen noch lange neben dieſem, wie die noch im ſiebzehnten Jahrhundert übliche Wendung: non ferai⸗-je beweiſt, während es die jetzige Sprache in der Bedeutung:
¹) Ausgabe in der Collection universelle des mémoires particuliers relatifs à Histoire de France, Tome I. II; Londres et Paris 1785. 8. aus welchen ich nach Seiten citire.
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