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Sacraments enerviere.“ Wegen ſeines Glanbenseifers galt Ludwig bald als Hort des Lutherthums, bald warf man ihm katholiciſierende Tendenzen vor, wozu namentlich ſein treues Halten an dem Kaiſer, ſelbſt während des 30jährigen Krieges, Veranlaſſung gab. Die kirchliche Fortentwicklung in den beiden Heſſen fand unter dieſen Umſtänden in geradezu entgegengeſetzter Richtung ſtatt; beide Kirchen waren auf dem Wege, ſich voll⸗ ſtändig zu entfremden und in den größten Gegenſatz zu treten. Da kam das Jahr 1604, und mit ihm jener ebenſo bedanerliche, als verhängnißvolle Kampf, der, veranlaßt durch das von dem Landgrafen Ludwig von Heſſen⸗Marburg hinterlaſſene Teſtament und zwiſchen den fürſtlichen Bruderhäuſern zu Kaſſel und zu Darmſtadt Jahrzehnte lang mit ſteigender Leidenſchaft und Erbittrung geführt, Heſſen gegen Heſſen in die Waffen rief und mit der Verheerung der beiderſeitigen Länder, mit dem Umſturz der heſſiſchen Ge⸗ ſammtverfaſſung, mit einer ſchroffen Scheidung und tief gehenden innern und äußern Entfremdung der beiden Stämme eines und deſſelben Volkes endete.— Dieſer Kampf fällt mit ſeiner erſten Hälfte noch in den von uns zu behandelnden Zeitraum der heſſiſchen Geſchichte, und folgt hier in ſeinen Hauptzügen, ſoweit er für unſere Sache von Wich⸗ tigkeit iſt. 1) Der Marburger Erbfolgeſtreit. ¹)
Landgraf Ludwig(IV.) von Heſſen⸗Marburg ſetzte durch das Teſtament, deſſen Beſtimmung bezüglich Erhaltung des Religionsſtandes bereits oben angeführt worden iſt, ſeine beiden Neffen, Moritz zu Kaſſel und Ludwig zu Darmſtadt, als Univerſalerben ſeiner ganzen Hinterlaſſenſchaft zu gleichen Theilen ein. Das unverbrüchliche Halten des Teſtaments in allen Puncten war bei Verluſt des Erbtheils geboten.
Das Teſtament wurde am 24. October 1604 eröffnet. Moritz erklärte ſich mit demſelben in allen Theilen einverſtanden. Landgraf Ludwig von Heſſen⸗Darmſtadt, nebſt ſeinen beiden jüngern Brüdern Philipp und Friedrich, fühlte ſich dagegen durch das Teſtament beſchwert, da das Erbe nicht nach Stämmen, ſondern nach Köpfen zu theilen ſei, alſo drei Viertheile deſſelben auf Darmſtadt und nur ein Viertheil auf Kaſſel zu fallen habe, indem er ſich auf die kaiſerliche Inveſtitur und das Lehnrecht, auf die Erbverbrüderung mit Sachſen und Brandenburg, auf Philipps des Großmüthigen Teſta⸗ ment und den heſſiſchen Erbvertrag berief. Moritz drang jedoch, unter Hinweiſung auf die in dem Teſtament enthaltene Strafclauſel, auf einfache Annahme oder Ablehnung. Man verglich ſich endlich dahin, die Entſcheidung einem Anſträgalgerichte anheimzugeben. In dem heſſiſchen Erbvertrag(erblichen Brüdervergleich) von 1568 war nämlich auf Grund teſtamentariſcher Anordnungen Philipps des Großmüthigen feſtgeſetzt wor⸗ den, daß bei etwa eintretenden Mishelligkeiten innerhalb des heſſiſchen Fürſtenhauſes in letzter Inſtanz ein Gericht entſcheiden ſolle, zu welchem jede der beiden Parteien eine gleiche Anzahl von Richtern(je 9, und einen gemeinſchaftlich) zu beſtellen habe. Bei der durch Stimmenmehrheit getroffnen Entſcheidung ſollte es ohne weitere Appellation ein für allemal ſein Verbleiben haben.—
Das Auſträgalgericht trat am 2. November zuſammen. Alle Verſuche, den Streit
¹) Acta Marpurg. Gießen, 1615. Rommel, Geſchichte von Heſſen, VI.


