Aufsatz 
Die hessischen Fragstücke : ein Beitrag zur hessischen Kirchengeschichte / von Ferdinand V. Lucius
Entstehung
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Die heſſiſchen Fragſtücke. Ein Beitrag zur heſſiſchen Kirchengeſchichte

von

Dr. Ferdinand V. Lucius, Großh. Gymnaſiallehrer zu Darmſtadt.

Der kleine Katechismus Dr. Martin Luthers in der Form, wie er ſeit dem dritten Jahrzehnt des 17. Jahrhunderts officiell in Heſſen⸗Darmſtadt eingefährt und den ſeitdem(in 1662 und 1724) erſchienenen neuen Auflagen der altheſſiſchen, noch jetzt rechtsgültig beſtehenden Kirchenordnung von 1574 ¹) als integrierender Theil beigefügt iſt, iſt durch eine Reihe von Fragen und Antworten erweitert, welche, äußerlich als fremde Beſtandtheile nicht erkennbar, theils einleitend vorausgehen, theils wie ein Rahmen die einzelnen Hauptſtücke zu Anfang und Ende umſchließen. Dieſe von Luther nicht her rührenden Fragen und Antworten führen den officiellen Namen:Heſſiſche Frag⸗ ſtücke.

Dieſe auffallende Erſcheinung findet ſich vorzugsweiſe in Heſſen und in einigen be⸗ nachharten Ländern, in welchen der lutheriſche Katechismus in dieſer Form Eingang und durch Aufnahme in verſchiedene Kirchenagenden öffentliche Anerkennung gefunden hat, wie z. B. in dem Naſſauiſchen, Erbachiſchen, Sayn'ſchen, Solms-⸗Laubachiſchen ꝛc. Dabei bilden die heſſiſchen Fragſtücke einen nicht unbedeutenden Beſtandtheil dieſes darmſtädter Katechismus, weder der Zahl, noch dem Inhalte nach. Sie nehmen 33 heſſiſche Frag⸗ ſtücke neben 40 Fragſtücken Luthers nicht weniger als% des Ganzen ein, und ver⸗ breiten ſich, auf ihren Inhalt angeſehen, nicht blos überdie Frucht und den Nutzen der einzelnen Hauptſtücke, ſondern auch über die wichtigſten Lehren, über die Trinität, die Perſon und das Werk Jeſu Chriſti, über Erbſünde und Rechtfertigung, über Glaube und Bekehrung, über Bedeutung und Wirkung der Sacramente ꝛc.

Man ſollte übrigens glauben, daß der lutheriſche Katechismus in dieſer darmſtädter Redaction Jedem, der ihn gebraucht, alsbald als ein mit fremden Zuſätzen verſehener erſcheinen müſſe. Denn abgeſehen davon, daß einzelne heſſiſche Fragſtücke nach Form und Inhalt den lutheriſchen Typus gar nicht an ſich tragen und ſo, wie ſie ſind, unmöglich aus dem originalen Geiſte Luthers entſprungen ſein können, ſo kommen wiederholt die⸗

¹) Dieſe Kirchenordnung wird entweder nach dem Jahre ihrer Publication von 1573, oder nach dem Jahre der Druckvollendung von 1574 datirt. 1