Aufsatz 
Die Anwendung der Photographie in der Astronomie
Entstehung
Einzelbild herunterladen

7

daher die verschiedenen Methoden der direkten Ausmessung am Fernrohr vermittelst eines Mikrometers völlig versagen. Ein glänzendes Beispiel für die Bedeutung der photographischen Darstellung bietet die von Scheiner in Potsdam vorgenommene Aufnahme und Ausmessung des großen Sternhaufens im Herkules(Messier 13; N. G. C. 6205). Innerhalb eines Quadrates von zehn Minuten Seitenlänge(1 Minute am flimmel entspricht 1 mm) befinden sich mehr als 500 Objekte, deren Positionen bis auf wenige Zehntel Bogensekunden sicher bestimmt wurden. Auf die Einzelheiten der hierbei gemachten Beobachtungen und gezogenen Schlüsse Scheiners, welche die sehr große Überlegenheit der photographischen Aufnahme gegenübér den sorgfältigsten, nach direkten Beobachtungen angefertigten Zeichnungen ins hellste Licht stellen, kann hier des zur Verfügung stehenden, beschränkten Raumes halber nicht eingegangen werden. Interessenten wollen darüber in den Abhandlungen der Königlichen Akademie der Wissenschaften zu Berlin 1892, Anhang, das Nähere nachlesen. Die jetzt von den Stern- haufen aufgenommenen Photographien werden auch durch die Vergleichung mit solchen, die in späteren Jahren aufgenommen werden, die Möglichkeit zur Feststellung ergeben, welche Sterne eines Sternhaufens wirklich mit einander in näherem Zusammenhange stehen und daher auch eine nach Richtung und Größe gemeinsame Eigenbewegung haben, und welche wir nur zufällig an derselben Stelle des flimmels sehen, wie den betreffenden Sternhaufen, die also nur optisch zu diesem gehören.

Desgleichen begann auch für die Entdeckung und Beobachtung der Nebelflecke mit der Anwendung der Photographie auf diesem Gebiete eine neue Ara. Selbst über die Kon- struktion heller, lange bekannter und schon oft aufs sorgfältigste am Fernrohr gezeichneter Nebel hat die photographische Aufnahme genauere Aufschlüsse gegeben. So sind fast alle die zahlreichen Nebelflecke, welche sich am nördlichen Hlimmel durch Größe, Gestalt und Helligkeit auszeichneten, gegenwärtig bereits photographisch aufgenommen worden, und dabei hat es sich ergeben, daß sämtliche früher angefertigten Handzeichnungen dieser Gebilde fast so gut wie wertlos sind. Von ganz besonderer Wichtigkeit in dieser Beziehung ist das von lsaac Roberts herausgegebene Werk: Photographs of Star-Clusters and Nebulae, 2 vls., London 1899, welches die hauptsächlichsten der von ihm aufgenommenen Nebelfleck-Photographien in sehr guten Reproduktionen wiedergibt. Ein geradezu klassisches Beispiel, um die Überlegen- heit der photographischen Aufnahme über die noch so sorgfältig angefertigte Handzeichnung der Gestalt eines Nebelfleckes zu zeigen, bietet folgende Tatsache: Professor Dr. fl. C. Vogel zeichnete am Wiener 272lligen Refraktor nach sorfältigsten Studien einen Spiralnebel, welchen E. von Gothard mit einem sehr bescheidenen Instrumente, nämlich mit einem 10 ½ zölligen Spiegelteleskop, photographisch aufnahm. Schon ein flüchtiger Blick auf diese beiden Dar- stellungen zeigt, daß das am KRieseninstrument gezeichnete Bild nur als eine Skizze des außerordentlich detailreichen Photogramms angesehen werden kann. Vogel selbst sagt hier- über:Die Nebelaufnahmen des fferrn von Gothard zeigen, daß auch mit verhältnismäßig sehr geringen instrumentellen Mitteln auf photographischem Wege ein wissenschaftliches Resultat erhalten werden kann, welches bei weitem dasjenige übersteigt, was man selbst mit den größten Instrumenten durch Okularbeobachtung gewonnen hat.

Aber auch die Zahl der aufgefundenen Nebelflecke ist durch die Anwendung der flimmelsphotographie mächtig gewachsen. Während Herschel im Generalkatalog deren 5079 aufzählt, und man jetzt optisch, also durch direkte Beobachtung, ihrer 8000 festgestellt hat, ist die Zahl der bekannten Nebelflecke durch die Photographie auf etwa 120 000 gestiegen.