Die Anwendung der Photographie in der Astronomie.
Die bewundernswerten Fortschritte, welche die Kenntnis des Weltalls im verflossenen Jahrhundert gemacht hat, sind besonders auf die glückliche Verbindung zweier Forschungs- ergebnisse zurückzuführen, vons denen jedes einzelne dem suchenden und strebenden Menschengeiste zu hohem Ruhme gereicht. Einmal wurden die mathematischen Methoden ungemein vervollkommnet, durch welche es möglich wurde, diedam flimmelszelte gemachten Beobachtungen rechnend zu verfolgen und die wahrgenommenen Bewegungen der Gestirne in exakten Formeln auszudrücken; zweitens aber wurden die Beobachtungsmittel selbst in früher nie geahnter Weise vermehrt und verfeinert, so daß jetzt Objekte und Vorkommnisse in den Tiefen des Weltalls zu unser Kenntnis gelangen, die andernfalls uns wohl für immer unbe- kannt geblieben wären. Dabei schritt natürlicher Weise gleichzeitig auch unsere Erkenntnis des Baues der schon früher bekannten Sterngebilde mächtig weiter.
Eines der wichtigsten dieser neuen Beobachtungsmittel ist die in der zweiten flälfte des neunzehnten Jahrhunderts so wesentlich vervollkommnete photographische Platte, und die Anwendung der Photographie in der Astronomie soll im Folgenden in gedrängter Kürze behandeltswerden, soweit dies auf dem mir zur Verfügung stehenden Raume überhaupt mõög- lich ist. Außer der in den Ausführungen selbst angegebenen Literatur wurden dabei beson- ders benutzt: von Schweiger-Lerchenfeld: Atlas der flimmelskunde, und fl. J. Klein: Handbuch der allgemeinen flimmelsbeschreibung.
Lange Zeit hindurch blieb der Laie von der Arbeit, die sich in den ihm unnahbaren Räumen der Tempel Uranias, der Sternwarten, vollzog, ausgeschlossen. Die teuren Instrumente, deren Handhabung besondere Anweisung und lange UÜbung voraussetzt, die höhere Mathe- matik, deren Anwendung ununterbrochen nötig war, sowie das rein sachliche Denken bei der Erkennung, Deutung und Verknüpfung der sich bietenden Ergebnisse lagen den meisten Nichtfachmännern zu fern. Der für die Geheimnisse der„erhabensten aller Wissenschaften“ sich interessierende Laie mußte sich im allgemeinen damit begnügen, die fertigen Resultate der Beobachtungs- und Denkarbeit des Astronomen und die aus ihnen für die Anordnung des Weltganzen zu ziehenden Schlüsse entgegenzunehmen. Aber auch der Astronom selbst, dessen natürliche Sehkraft durch das Fernrohr verstärkt und erweitert wurde, und in dessen Gesichtskreis vorher gänzlich unbekannte Regionen gelangten, mußte erkennen, daß die auf- lösende Kraft seiner Instrumente ihre Grenzen hatte. Selbst die Rieseninstrumente der Neuzeit, welche an den geeignetsten Punkten der Erde aufgestellt wurden, versagten gegenüber den lichtschwachen Objekten, die in für uns unvorstellbaren Fernen zahlreich ihre Gegenwart andeuten. Da setzte die Photographie ein, durch deren Anwendung êdie flimmelskunde zu einem der populärsten Zweige der Naturwissenschaft wurde. Durch ihre Leistungen wurde zunächst auch der Laie in den Stand gesetzt, sich eine klare, greifbare Vorstellung von den- jenigen Dingen zu machen, welche von den Astronomen gesehen und beobachtet werden. Aber auch für den Astronomen selbst wurde die Photographie ein neues, vorzügliches Mittel zur Erkenntnis. Während znämlich unsere Netzhaut uns durch die Lichtstärke ein Urteil über die felligkeit eines Gegenstandes zu bilden ermöglicht, hält die photographische Platte die Lichtmenge fest. Ein sehr lichtschwaches Objekt mag auch bei der Anwendung der


