Aufsatz 
Aus dem alten Rom : Ein Brief an die Schüler des Gymnasiums / vom Gymnasiallehrer Lohr
Entstehung
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Arger, dals sich der schelmische Puskus, den er schon im stillen als seinen Retter begrülste, über ihn lustig macht und sein Augenverdrehen und Zuwinken gar nicht verstehen will, sondern mit einer schlechten Entschuldigung davoneilt. Am Vestatempel ist das neue Freundespaar bereits vorüber, und Horaz weiſs, dafs er den zudringlichen Menschen noch stundenlang ertragen muls, falls es diesem gelingt, an den Ge- richtshallen unbemerkt vorüber in das Tuskerviertel zu gelangen. Da begegnet ihnen zufällig der Gegner des Pflichtvergessenen und schleppt diesen vor das nahe Tribunal. Horaz aber setzt nun seinen Spazier- gang fort und lacht jetzt selbst über sein Unglück. Die heitere Stimmung ist wieder bei ihm eingekehrt und läfst ihn zum Ersatz für die verlorene Zeit spielend die hübschen Verse finden, mit denen er nächstens im frohen Kreise sein Erlebnis erzählen will.

Wir waren so neugierig, dem Dichter nachzugehen und sind dadurch wieder an den Castor- tempel zurückgekommen. Jetzt aber ist uns jener in der belebten Tuskergasse plötzlich aus den Augen geschwunden. Wir wollen ihn auch nicht wieder suchen, da wir wissen, dafs er gern allein sein will, sondern ich will euch nun vom Forum weg zum nahen Palatin führen, zu dem Berg, auf welchem des Faustulus arme Hütte gestanden haben soll, der später die stolzen Paläste der Cäsaren trug. Wir steigen deshalb beim Dioskurentempel zur modernen Fahrstrafse hinauf und gehen zum jetzigen Aufgangsthor(A) des Berges hin. Rechts von unserem Wege türmen sich in drei Stockwerken hohe Gewölbe auf und täglich kommen hier noch neue Mauern zum Vorschein, denn auch an dieser Stelle wird der Schutt weggeräumt und das nicht römische Mauerwerk mit Pulver gesprengt. Diese Ruinen gehören zu dem Riesenpalast, den Caligula an der nordwestlichen Seite des Palatin anlegte[14]J. Die Front desselben war dem Forum zugekehrt. Denn Sueton erzählt in der Biographie jenes Kaisers, dals er diesen Teil des Palatin mit Hülfe mächtiger Stützmauern bis zum Forum erweitert und den Tempel der Dioskuren zum Vestibulum des kaiserlichen Palastes gemacht habe. Oft stellte sich der Kaiser zwischen die göttlichen Brüder und lieſs sich von den Ab- und Zugehenden anbeten. Wir treten durch das moderne Hauptthor ein, welches früher zu den Gärten der Familie Farnese führte, und kommen, wenn wir uns am Ende der hohen Treppe rechts wenden mit wenigen Schritten auf den clivus victoriae. Durch diesen Weg war die Höhe des Palatin mit der Tiefe des Forums und der darangrenzenden Thalmulde, dem sogenannten velabrum, in Verbindung gesetzt. Ihn überwölbte Caligula mit seinen ausgedehnten Bauten, und daher kommt es, daſs wir jetzt rechts und links in kleine und groſse Zimmer hineinsehen, die den kaiserlichen Dienern und Wachen zum Aufenthalt gedient haben. In einzelnen sind noch die steinernen lecti erhalten, die sich auch sonst in römischen Wachlokalen finden. Anderen fehlt jegliche Ausstattung, nur in wenigen haben sich die Verzierungen der Decke und der Wände teilweise erhalten. Wagen wir uns so weit als möglich an den Rand des Berges heran, so haben wir gerade unter uns den Dioskurentempel und gegenüber im Westen den Hügel, welcher den Capitolinischen Jupitertempel trug. Von dieser nordwestlichen Spitze des Palatin aus überbrückte Caligula die Tiefe, welche ihn von seinem Bruder Jupiter trennte. Schon öfters hatte er sich mit dem Götterbild auf dem Capitol unterhalten, indem er ihm etwas ins Ohr flüsterte und sich dann auf dieselbe Weise antworten liefs. Ohne Zank war es dabei nicht abgegangen, so daſs der wahnsinnige Fürst zuletzt ausrief: ³ν αμ⁴εέιον ⁷⁴ ⁵μςοσις. Doch hatte er sich durch die Einladung des Gottes, doch bei ihm zu wohnen, wieder beruhigen lassen. Um dieser Aufforderung möglichst bald nachzukommen, verband er die beiden Berge durch die berüchtigte Brücke, später legte er auch den Grund zu einem Palast auf dem Capito selbst. Noch stehen am Fuſse des Palatin drei hohe Ziegelmauern, die wahrscheinlich zu den Fundamenten jenes sonderbaren Weges gehört haben. Natürlich muſste die Brücke dicht an dem Dache der basilica Julia vorüberführen, und so konnte es dem launischen Herrscher bei einem Besuche, den er auf dem Capitol abstattete, einfallen, vom Dache der Gerichtshalle aus Geld unter das Volk zu werfen. Dafür liefs er sich dann, als der Staatsschatz durch seine unsinnige Verschwendung erschöpft war, am Neujahrstage von seinen Unterthanen beschenken und nahm am Eingange des Palastes die reichen Gaben huldvollst in Empfang. Es ist ein hartes, aber verdientes Gericht, daſs alle die kolossalen Anlagen dieses Fürsten, der immer das ausführte, was dem gesunden Menschenverstand unsinnig erschien, entweder gänzlich verschwunden oder bis zur Unkenntlichkeit zerstört sind.

Ein ebener Weg begleitet die nordwestliche Wand des Berges. Ehe diese Seite von den kaiserlichen Residenzen eingenommen war, hatten dort viele angesehene Römer ihre Häuser, denn der Palatin mit seinen Erinnerungen an den Ursprung der Stadt galt stets für ein vornehmes Quartier. Drei berühmte Redner wohnten auf dem Hügel, Crassus, Hortensius und Cicero, auch des letzteren Glient, Milo, und dessen Gegner GClodius. Cicero hatte sich hier mit mehr als 900,000 Mark angekauft, aber sein guter Nachbar Clodius that es ihm noch zuvor und zahlte für sein Haus über 2 ½ Millionen. Wo jede einzelne dieser

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